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11. Prozesstag Kurzbericht: Anschlag auf den „Kiez Döner“

Am 9. September 2020 wurde während des 11. Verhandlungstag des Prozesses gegen den mutmaßlichen Attentäter von Halle erstmals der Anschlag auf den „Kiez Döner“ genauer behandelt. Es sagten mehrere Zeugen aus, die dem Attentäter im Dönerimbiss oder in der Umgebung begegnet waren. Zudem wurde ein Kriminalkommissar des LKA befragt, der nach dem Anschlag mit der Tatortgruppe im Bereich des Kiez Döners im Einsatz war. Da zwei Zeugenaussagen kurzfristig verschoben wurden, nutzte die Vorsitzende die Zeit, um das Video von der Tat aus der Bodycam des Attentäters in Augenschein zu nehmen.

Der Tag begann mit der Befragung der Zeugin Margit W. Sie gibt an, zu Fuß in der Ludwig-Wucherer-Straße unterwegs gewesen und dort auf den Attentäter getroffen zu sein. Die Situation sei vollkommen unwirklich gewesen. „Er hat nichts gesagt und ich auch nicht und das war sicherlich mein großes Glück, sonst wäre es mir so gegangen wie der Frau an der Synagoge.“ Frau W. wurde von einem Nagel in den Fuß getroffen, der aus einer Nagelbombe stammte, die der Angeklagte in Richtung des Kiez Döners geworfen habe. Sie habe beim Weglaufen aber nicht mehr an den Schmerz gedacht. „Ich habe immer nur gedacht, wenn der jetzt schießt…“ Später im Krankenhaus sei sie dann vernommen worden, bevor sie wieder mit ihrem Mann nach Hause konnte. Sie sagt heute über die Tat: „Im Nachhinein habe ich gedacht, ‚Das war dein zweiter Geburtstag‘“. Ihre Familie habe sie nach dem Erlebnis sehr unterstützt.

Als zweiter Zeuge war Dr. Bernd H. geladen. Er war am Tag des Attentats wegen einer Redaktionskonferenz zu Besuch in Halle und wollte sich im Kiez Döner ein Mittagessen holen. Als erste Schüsse fielen und der Attentäter in den Dönerimbiss trat, habe er zunächst nicht wirklich realisiert, was vor sich ging. Erst als ein anderer Kunde des Kiez Döners, Herr H., rief „Raus hier, der erschießt uns sonst alle“, sei er aus seiner Fassungslosigkeit befreit worden. Dafür sei er bis heute zutiefst dankbar. Er sei dann durch die Hinterräume des Kiez Döners geflohen. Auf dem Weg durch den Imbiss habe er jemanden rufen hören „Bitte nicht schießen!“. Herr H., der gleiche Mann, der ihn vorher mit seinem Ruf aufgerüttelt hatte, habe das Fenster in einer Abstellkammer geöffnet und sei dort hinausgesprungen – der Zeuge habe es ihm nachtun wollen. Beim Sprung auf die Mülltonne unter dem Fenster sei der 74-Jährige hingefallen, habe sich starke Prellungen zugezogen und erstmal nicht atmen können. „Von diesem Moment an weiß ich, dass ich eine furchtbare Angst hatte, dass der Attentäter hinterherkommen könnte.“ Nachdem die Einsatzkräfte angekommen waren und er auf Geheiß der Polizei eine Weile in einem naheliegenden Restaurant gewartete hatte, habe ihn schließlich sein Sohn abgeholt und ins Krankenhaus gebracht. Im Nachgang des Attentats habe der Zeuge sehr bald Besuch von der Presse bekommen. Bereits am Samstag nach der Tat hätten ihn Pressevertreter*innen zu Hause aufgesucht. Die Unverfrorenheit, jemanden so zeitlich nah ungefragt zu behelligen und die Tatsache, dass es möglich war, seine Privatadresse zu diesem Zeitpunkt in Erfahrung zu bringen, habe ihn sehr geärgert. Die Vorsitzende sagt, das könne sie sich auch nicht erklären. „Da muss jemand die Adresse weitergegeben haben“.

Herr H. erklärt, dass er sich vom Prozess erwarte, dass der Gesellschaft klar gemacht werde, „dass hier ein zutiefst verabscheuungswürdiges Verbrechen vorliegt und leider Gottes dieses Verbrechen aus der Mitte der Gesellschaft […] heraus entstehen konnte.“ Er erinnere sich an die Aussage des Zeugen Max P. vom Vortag, der seine Zweifel geäußert hatte, dass der Angeklagte seine Vorbereitungen im völligen Unwissen der Eltern hätte treffen können. Bernd H. sagte, auch er habe Kinder. Es sei schlecht vorstellbar, dass der Angeklagte ohne die Wahrnehmung seiner unmittelbaren Umwelt, seine menschenverachtende Haltung, seine Hirngespinste und seine Tatvorbereitungen entwickelt haben soll. Auf die Frage, was ihn bewogen habe, sich auch als Nebenkläger am Prozess zu beteiligen, antwortet der Zeuge zunächst spontan „Meine Wut“. Er wolle dem Täter deutlich machen, dass er sich auf einen völlig abwegigen Entwicklungsweg begebene habe, der mit unserer Rechtsordnung und moralischem Empfinden überhaupt nicht zu tun habe. „Eine friedliche und prosperierende Gesellschaft kann es nur geben, wenn Menschen einander achten“. Er habe sich verpflichtet gefühlt, dem Angeklagten als Teil der Zivilgesellschaft gegenüber zu treten und ihm zu sagen, dass er das Urteil verdient habe, welches das Gericht voraussichtlich über ihn sprechen werde.

Im Anschluss an die Aussage von Herrn H. wurde das zweite Video des Angeklagten von der Tat in Augenschein genommen. Am zweiten Prozesstag war bereits das erste Video eingeführt worden, das der Attentäter mit seiner Helmkamera aufgenommen und online gestreamed hatte – das zweite Video stammte aus seiner Bodycam, die die Ereignisse aus einer anderen Perspektive aufzeichnete.

Als dritter Zeuge sprang kurzfristig der Kriminalkommissar P. vom LKA Sachsen-Anhalt ein. Er war nach dem Anschlag als Teil der Tatortgruppe im Kiez Döner und dessen Umgebung im Einsatz. Er wurde entlang des von ihm gefertigten Tatortberichts befragt. Dabei wurden zahlreiche Fotografien vom Tatort und den aufgefundenen Spuren in Augenschein genommen. Darunter befanden sich Übersichtsaufnahmen des Imbisses und der Umgebung, auf denen die genaue Lage der Spuren gekennzeichnet ist, ebenso wie Detailaufnahmen von Asservaten. Gefunden wurden beispielsweise zahlreiche Patronen, Einschüsse in einer Hauswand und eine selbstgebaute Waffe. Die Bildschirme, auf denen die Besucher*innen und Pressevertreter*innen das Beweismaterial sehen können, wurden ausgeschaltet, als die Fotos des Leichnams von Kevin S. in Augenschein genommen werden.

Der 11. Verhandlungstag endete mit der Aussage des Zeugen Malek B. Dieser habe sich auf dem Weg zur Uni befunden, als er dem Attentäter begegnete. Als er den Täter sah, sei er unter Todesangst weggerannt. Er könne sich nicht gut an den Moment erinnern. „Ich wusste nicht, was ich machen soll, nur weg, nur weg“.  Herr B. erzählte, er sei dann zum Bahnhof gerannt, weil er gewusst habe, dass dort immer Polizei ist. Die Nachwirkungen des Anschlags spüre er noch, er berichtete unter anderem über Alpträume und Schlafprobleme.

In der nächsten Woche sollen weitere Zeugen aus der Synagoge und dem Kiez Döner gehört werden. Am 15. September wird auch der Vater von Kevin S. als Zeuge erwartet, dessen Sohn im Kiez Döner erschossen wurde.