Aktuelles: Der Boss gegen Baphomet: Wie Kollegah antisemitischen Verschwörungsrap unter bürgerlichem Namen fortsetzt
Mit seinem neuen Song „Baphomet“ knüpft Felix Blume – ehemals Kollegah – an Motive an, die sein Werk seit Jahren prägen: Verschwörungserzählungen, okkulte Symbolik, Männlichkeitskult und antisemitische Codes. Neu ist weniger der Inhalt als die Form seiner Inszenierung: Die frühere Kunstfigur tritt zunehmend hinter die bürgerliche Person zurück. Und erhält dabei verstärkt Applaus aus rechten Kreisen.
Als Kollegah wollte Felix Blume eigentlich nicht mehr auftreten. 2024 erklärte der Rapper öffentlich, aus seiner Kunstfigur herausgewachsen zu sein und keine Musik mehr machen zu wollen. Inzwischen veröffentlicht er jedoch wieder – allerdings nicht unter dem Künstlernamen Kollegah, sondern unter seiner bürgerlichen Identität Felix Blume. Inhaltlich und ästhetisch hat sich jedoch wenig verändert. Sowohl im Album „Kanzler“ (2025) als auch auf dem am 8. Mai 2026 erschienenen Album „Alpha DNA“ (2026) knüpft Blume an bekannte Selbstinszenierungen an: die Bezeichnung als „Boss“, die Betonung extremer Männlichkeit sowie verschwörungsideologisch geprägte Feindbilder, antisemitische Codes wie „BlackRock-Marionette“ („Alpha DNA“, 2026) und rechtsextremer Ästhetik in Musikvideos. In „Alpha DNA“ kritisiert er zudem vermeintliche „Nazikeulen“ und kündigt an, dass er bald „jeden Gauner urplötzlich heim" schicken werde.
Eine Distanzierung von den radikalen Narrativen der Kunstfigur Kollegah ist nicht erkennbar. Stattdessen entwirft Blume erneut ein Erlöser- und Kämpferbild, in dessen Zentrum er selbst als Führungsfigur steht. Auch die Vermarktung des Albums greift diese Inszenierung auf: Im eigenen Shop wird die Box mit Slogans wie „Die Evolution geht in die nächste Runde“ und „Keine Kompromisse, nur Dominanz“ beworben. Antisemitismusvorwürfe begleiten den Rapper bereits seit dem Echo-Eklat von 2018. In Tracks wie „Apokalypse“ (2016), „Armagaddon“ (2018) oder „Mind over Matter“ (2022) lassen sich zahlreiche antisemitische und verschwörungsideologische Codes finden: Allmächtige Krakenfiguren, das personifizierte, jüdische Böse, das die Welt lenke, Anspielungen auf die Ritualmordlegende, oder die Leugnung der Evolutionstheorie.
Am 11. Mai 2026 erschien das Musikvideo zum Bonustrack „Baphomet“ aus „Alpha DNA“ (2026). Inhaltlich reiht sich der Song in die Erzählmuster von „Apokalypse“ und „Mind over Matter“ ein und führt die dort etablierten Motive weiter. In Lied und Musikvideo kämpft Blume gegen das personifizierte Böse: einen dämonischen Baphomet, eine groteske Ziegengestalt mit menschlichem Körper, die in einem Endzeitszenario aus einem okkulten Zeichen hervortritt. Blume inszeniert sich als muskelbepackter Einzelkämpfer, als auserwählter Alpha, der gegen eine Weltordnung kämpft, die von geheimen Mächten gelenkt wird.
„Die Menschheit beugt sich der New World Order / schon früh hab ich die Zeichen gedeutet, wie Runenforscher / Sie planten die Versklavung im Brüsseler NATO-Sitz, aber der stahlharte Boss geht auf Mission Impossible“ („Baphomet“, 2026)
Vom Künstlernamen zur bürgerlichen Person
Dass Blume heute unter seinem bürgerlichen Namen auftritt, ist eine bemerkenswerte Entwicklung. In der Vergangenheit konnte er sich bei Antisemitismusvorwürfen immer wieder auf die Trennung zwischen Privatperson und Kunstfigur berufen. Diese Distanz wird nun kleiner. Wer nicht mehr „Kollegah“ sagt, sondern „Felix Blume“, nimmt der eigenen Inszenierung einen Teil jener Schutzbehauptung, es handele sich bloß um eine überzeichnete Rolle.
Gleichzeitig bleibt der alte „Boss“ sichtbar. Die Selbstbezeichnung, das Sprechen in der dritten Person, der Körperkult, die Alpha-Rhetorik und das Motiv des einsamen „Erwachten“ ziehen sich weiter durch Blumes öffentliches Auftreten. Auch jenseits der Musik: Mit dem „Alpha Gym“ eröffnete Blume Anfang 2026 in Solingen ein Fitnessstudio, an dem er laut Süddeutscher Zeitung mit knapp 50 Prozent beteiligt ist. Die SZ berichtete zudem, es gäbe mehrere Hinweise darauf, dass der Geschäftsführer Heidrich Kopelke der Sohn von Axel Kopelke ist, einem Mitbegründer des in der rechten Szene verbreiteten Labels Thor Steinar. Heidrich Kopelke selbst distanzierte sich laut SZ allgemein von Extremismus, äußerte sich aber nicht zu allen konkreten Vorwürfen. Zudem ist er in sozialen Medien mit verschiedenen Akteuren der rechten bis rechtsextremen Szene vernetzt.
Blumes ästhetische und politische Verschiebung vollzieht sich also nicht isoliert im Musikvideo ab. Sie steht in einem größeren Zusammenhang: Alpha-Männlichkeit, Patriotismus, Selbstoptimierung, autoritäre Körperbilder und Verschwörungsdenken rücken in Blumes öffentlicher Persona enger zusammen.
Der Rapper, der nach eigenen Angaben mit 15 Jahren zum Islam konvertierte, fällt nun bereits seit einiger Zeit mit der zunehmenden Verwendung von rechten Narrativen auf. Der Gebrauch rechtsextremer Ästhetik zeichnet sich schon länger ab, so etwa in „Hardcore“ (2016) und „Valhalla“ (2019), wie Dr. Jakob Baier in „Illuminati, Rothschilds, Zionisten: Antisemitismus im deutschen Gangsta-Rap (2025) nachzeichnete. Neu ist die Häufung und die vermehrte positive Rezeption in rechten Kreisen. Zuletzt wurde unter anderem sein Song „Deutschland“ Ende 2025 von rechten Akteuren zelebriert. So sprach der ehemalige Kopf der Identitären Bewegung, Martin Sellner, auf X vom „größten Vibeshift seit Jahrzehnten“, der bekannte Rechtsextreme Patrick „Wuppi“ Kolek reihte sich ein und identifizierte „Kolle“ als „einen Guten“. Auch der AfD Politiker Maximilan Krah sieht in Kollegah einen wichtigen Zugewinn und bezeichnet ihn auf X als Trendsetter. Als Rapper, der traditionell eher aus dem migrantisch geprägten Gangsta-Rap-Milieu kommt, ist dieses narrative Einreihen in rechte Kreise eine Verschiebung, die auch zur Normalisierung von rechten Parolen beiträgt. Durch Felix Blume erhält rechtes Gedankengut ein Sprachrohr, das eine Vielzahl junger Rap-Hörer*innen erreicht, die nicht ohnehin schon Teil der rechten Szene sind.
„New World Order“, NATO und Gedankenkontrolle
In „Baphomet“ werden verschwörungsideologische Versatzstücke nicht nur angedeutet, sondern offen ausgesprochen. Gleich zu Beginn heißt es: Die Menschheit beuge sich der „New World Order“, Blume habe „schon früh“ die Zeichen gedeutet, und im „Brüsseler NATO-Sitz“ werde die Versklavung geplant. Im Musikvideo ist an entsprechender Stelle das vermeintliche konspirative Treffen zu sehen: Neun finster schauende Männer sitzen an einem Besprechungstisch, die Flagge der NATO hängt an der Wand vor einem Mann mit Armprothese. Später ist von „Nano-Chips zur Gedankenkontrolle“ und einer Welt die Rede, die von „Geheimverbänden und Großaktionären“ kontrolliert werde.
Damit bedient Blume klassische Motive der NWO-Erzählung. Der Begriff „Neue Weltordnung“ wurde ursprünglich in politischen Kontexten verwendet, später aber von Rechtsextremen und Verschwörungsideologen umgedeutet. Heute beschreibt die NWO-Erzählung eine Verschwörungstheorie, in der eine globale, häufig jüdisch codierte Elite einen geheimen Plan verfolgt, nationale Grenzen abzuschaffen und eine autoritäre Weltregierung zu installieren. Als angebliche Akteure werden dabei oft jüdische Personen oder Familien, „Hochfinanz“, Geheimgesellschaften, Illuminaten, Freimaurer oder internationale Organisationen genannt.
Blumes Text fügt sich genau in dieses Raster ein: internationale Organisationen, geheime Verbände, Großaktionäre, NATO, Gedankenkontrolle. Der Song vermittelt antisemitische Narrative, ohne Jüdinnen und Juden direkt nennen zu müssen. Durch die genannten Codes entstehen antisemitische Assoziationen – die Heldenerzählung Blumes ist die Erzählung einer großen Verschwörung, in der ein Auserwählter das personifizierte Böse besiegen muss. Solche Verschwörungserzählungen sind nicht bloß anschlussfähig an offen antisemitische Narrative, sie offenbaren selbst strukturell antisemitische Weltbilder.
Okkultismus und Satanismus
Der Titel „Baphomet“ verweist auf eine Figur der westlichen Esoterik und Okkultgeschichte. Der moderne Baphomet wurde im 19. Jahrhundert vor allem durch Éliphas Lévi geprägt: eine geflügelte, androgyne Mensch-Ziege-Figur, aufgeladen mit esoterischen Symbolen. Später wurde Baphomet auch von Aleister Crowley aufgegriffen und im 20. und 21. Jahrhundert zu einem Symbol verschiedener okkulter und satanistischer Bildwelten.
Für sich genommen ist der Baphomet nicht antisemitisch. Auch Pentagramme, Dämonen, Runen oder okkulte Zeichen sind für sich genommen keine antisemitischen Symbole. Entscheidend ist jedoch der ideologische Zusammenhang, in den sie eingebettet werden.
Das „Böse“ erscheint hier nicht als abstrakte moralische Kategorie, sondern als geheime Macht hinter der Weltgeschichte. Der Dämon wird zur Bildfigur jener unsichtbaren Elite, die in antisemitischen Verschwörungsnarrativen seit Jahrhunderten als jüdisch codierte Allmacht imaginiert wird – mal als „Finanzelite“, mal als „Loge“, mal als „Satanisten“, mal als „New World Order“.
Der Held, der die schlafende Masse retten muss
Das Musikvideo setzt diese Erzählung visuell fort. Blume erscheint als paramilitärisch gekleideter Kämpfer, als maschinenhaft überformter Held in Menschengestalt, als spirituell Erwachter. Er steht allein auf dem Kilimandscharo-Gipfel, deutet Zeichen „wie Runenforscher“, kämpft gegen Dämonen und tritt schließlich gegen den Baphomet als Endgegner an. Selbst ein Shaolin-Meister, der Blume offenbar ausgebildet hat, weicht vor dem Dämon zurück. Blume ist der Einzige, der dem Kampf gewachsen ist.
Diese Dramaturgie folgt dem klassischen Superheldenmodell: Die Masse schläft, Institutionen sind korrumpiert, Expert*innen versagen, und nur der Auserwählte erkennt die Wahrheit. Im Song wird dies explizit zugespitzt, wenn Blume sich in eine Prophezeiung einschreibt: „Die Prophezeiung ist wahr, ich bin wie Herakles Auserwählter.“ Die Selbstüberhöhung, die seit Jahren Teil seiner Boss-Persona ist, wird hier mythisch aufgeladen. Blume ist nicht mehr nur der stärkste Rapper oder der erfolgreichste Unternehmer, sondern ein quasi heilsgeschichtlicher Kämpfer gegen das Ur-Böse.
Diese Erzählung ist für Verschwörungsideologien zentral. Sie bietet Orientierung, wo gesellschaftliche Komplexität überfordert. Es gibt nicht mehr widersprüchliche politische, ökonomische oder soziale Prozesse, sondern nur noch Täter und Opfer, Schlafende und Erwachte, Gut und Böse. Diese manichäische Ordnung entlastet: Wer die Welt verstanden hat, muss sich nicht mehr mit Ambivalenzen beschäftigen.
Keine neue Provokation, sondern ideologische Kontinuität
„Baphomet“ scheint somit keine zufällige Grenzüberschreitung oder künstlerische Zuspitzung zu sein. Der Track bündelt Motive, die Blumes Werk seit Jahren durchziehen: Selbstüberhöhung, Elitenfeindlichkeit, Misstrauen gegenüber Medien und Wissenschaft , okkulte Symbolik, Endzeitstimmung, spirituelle Erlösungsrhetorik und für antisemitische Deutungen anschlussfähige Verschwörungscodes.
Der Song spricht nicht offen von Jüdinnen und Juden. Das ist bewusst gewählt. Moderne antisemitische Verschwörungsnarrative arbeiten häufig über Umwege: „Globalisten“, „Finanzelite“, „Logen“, „Satanisten“, „Geheimverbände“, „NWO“. Blume greift diese Semantik auf und überführt sie in eine visuell aufwendige Superhelden-Erzählung, in der der muskulöse Alpha-Kämpfer die schlafende Menschheit vor der dämonischen Weltverschwörung retten muss.
Dass dies nun nicht mehr unter dem Namen Kollegah, sondern als Felix Blume geschieht, ist nicht unwesentlich. Es markiert eine Verschiebung: Die frühere Kunstfigur wird nicht abgelegt, sondern unter bürgerlichem Namen politisiert, spiritualisiert und weiter radikalisiert. Der Boss ist nicht verschwunden. Er kämpft jetzt gegen Baphomet und bekommt dafür Applaus von rechten Akteuren.