AktuellesPlayful Propaganda: Antisemitische Verschwörungsnarrative in KI-generierten Propagandavideos im Kontext iranischer Einflussnahme

In sozialen Medien verbreiten sich derzeit KI-generierte Videos im Lego-Stil, die den Krieg zwischen Iran, USA und Israel aufgreifen. Was wie satirische Kritik an Trump und westlicher Politik wirkt, ist Teil einer Propagandastrategie, die iranischen Interessen dient und antisemitische Verschwörungserzählungen verbreitet.

Ein KI-generiertes Lego-Männchen in iranischer Militärkleidung spricht direkt zu den Bürger*innen der USA: Man habe ihre Nachrichten empfangen und höre sie. In einem Postfach sieht man Messages wie „rescue us“, „please save us all“ oder „thank you“. Das Video „Wake up America“ ist eines von vielen KI-generierten Videos im „Lego-Stil” in den sozialen Medien und verbindet reale geopolitische Konflikte mit extrem vereinfachten Deutungen, verschwörungsideologischen Motiven und antisemitischen Bildern. Vordergründig richtet es sich gegen Trump und die USA. Im Kern läuft es jedoch auf ein anderes Narrativ hinaus: In sozialen Medien verbreiten sich derzeit KI-generierte Videos im Lego-Stil, die den Krieg zwischen Iran, USA und Israel aufgreifen.

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Quelle: Instagram / ai_iraann

Diese Videos greifen reale politische Ereignisse auf – etwa den Konflikt um das Atomabkommen zwischen den USA und dem Iran, die Straße von Hormus oder Diskussionen über eine Waffenruhe – und überführen sie in eine einfache, emotional aufgeladene Erzählung. Komplexe politische Zusammenhänge werden dabei auf ein klares Freund-Feind-Schema reduziert: Auf der einen Seite der unterdrückte Iran, auf der anderen die USA, Israel und der Westen. Der Iran erscheint als gerechte Gegenmacht, die sich gegen westliche Doppelstandards stellt, Vergeltung übt und auch für andere unterdrückte Staaten und Völker der Welt eintritt.

Solche Videos lassen sich in einen größeren Zusammenhang von Bemühungen der iranischen Regierung einordnen, durch gezielte Desinformation Einfluss auf die Rezeption des Kriegs zu nehmen und antisemitische Narrative zu verstärken. Ein populärer Account mit dem Namen „explosivemediaa“ hat gegenüber der BBC angegeben, dass auch der iranische Staat zu seinen Kund*innen gehöre. Seine Videos transportieren deutlich die Perspektive und Interessen der iranischen Regierung und setzen auf die heroische Darstellung des Iran, oft verbunden mit Angriffen auf Trump und die USA. Die Plattformen reagieren darauf bislang nur begrenzt. YouTube hat den Account „explosivemediaa“ gesperrt. Auf Instagram und X ist er weiterhin aktiv; online ruft er zudem dazu auf, seinem Telegram-Kanal zu folgen.

Daneben kursieren vor allem auf X und Instagram weitere KI-Lego-Videos, die sich keinem Akteur eindeutig zuordnen lassen. Die Videos funktionieren als sogenannter „Diss-Track”, ein im Hip-Hop beliebtes Format, in dem ein imaginäres Gegenüber verbal abgewertet wird. Durch die Videos führt eine wiedererkennbare Figur, die auf einem poppigen Hip-Hop Beat rappt. Auf Instagram, TikTok und YouTube werden sie unter anderem über den Account „ai_iraann“ verbreitet und von vielen einzelnen Accounts „recycled“, auch auf X erzielen sie große Reichweiten. Dort werden sie etwa als „Iranian Lego movie“, „Iran just answered“, oder „Iran dropped another Lego style Diss-Track“ angekündigt. Je nach Account, der sie teilt oder repostet, erreichen sie hunderttausende Aufrufe. Ein konkreter Urheber wird meist nicht genannt, die Posts verweisen lediglich allgemein auf “Iran”.

Zugleich werden diese Videos auch von offiziellen iranischen Accounts auf X geteilt, darunter vor allem Vertretungen der iranischen Regierung, zum Beispiel in Südkorea, Ungarn, Indien, Bulgarien, Serbien, Russland oder Afghanistan. Die Resonanz ist überwiegend positiv. In Kommentaren heißt es etwa: „Iranian LEGO videos are doing more to expose Trump than all our mainstream media outlets combined.“ Andere sprechen von einem „Meme war“: „America lost to Iran in about a month. Not just military but also the meme war.“

Gerade die Videos ohne klar benannten Urheber sind explizit antiisraelisch und antisemitisch. Sie ähneln sich visuell und greifen wiederkehrend auf Verschwörungsnarrative zurück. Israel erscheint darin nicht als politischer Akteur, sondern als verdeckt steuernde Macht, die globale Politik kontrolliere. Diese Vorstellung wird mit Motiven wie „Eliten“, „pädophilen Netzwerken“ und satanischen Symboliken verbunden. Damit aktualisieren die Clips klassische antisemitische und antijudaistische Verschwörungserzählungen in digitaler, popkulturell aufgeladener Form.

„Wake up America“ macht das besonders deutlich: Das Video richtet sich explizit an ein westliches, vor allem US-amerikanisches Publikum. Es wirkt zunächst so, als wolle es eine alternative Perspektive auf amerikanische Politik und „Desinformation“ anbieten. Der geopolitische Konflikt wird dabei vereinfacht: Die USA erscheinen als aggressive Kraft, der Iran dagegen als friedliche Macht, unterlegt mit Sätzen wie „5000 years of Persian soul of poetry and light“ und „Our leader said nukes are haram“.

Im Verlauf des Videos verschiebt sich der Fokus. Aus der Kritik an Trump und den USA wird Schritt für Schritt eine Erzählung, in der Israel als eigentlicher Machtkern auftaucht. Eine zentrale Sequenz setzt mit „Wake up, America“ und „Open your eyes to the devil’s design“ ein. Hier etabliert das Video einen verschwörungsideologischen Rahmen: Eine dämonisch codierte, teuflische Macht ziehe im Hintergrund die Fäden der Weltpolitik. Diese Macht wird mit Donald Trump und Jeffrey Epstein verknüpft und mit der Zeile „pedophile rulers sacrificing for Israel’s line“ unterlegt. Politische Prozesse erscheinen damit nicht mehr als Ergebnis von Aushandlung von Interessen und Konflikten, sondern als Werk einer verborgenen, allmächtigen Gruppe. Israel wird in dieser Logik zum Symbol globaler Steuerung.

Diese Bildsprache wird zusätzlich religiös und dämonologisch aufgeladen. So taucht eine Figur auf, die an die okkultische Figur „Baphomet” oder „Baal“ anspielt, die in antisemitischen Verschwörungserzählungen häufig als Chiffre für rituellen Missbrauch und satanische Verbindungen erscheint. Klassischerweise trägt die ziegenähnliche Figur mit Hörnern einen Stern auf der Stirn, der ein umgedrehtes Pentagramm darstellt. In diesem Video ist dieser Stern klar als Davidstern gestaltet. Auch Benjamin Netanjahu wird mehrfach als satanische Figur mit Hörnern dargestellt. Gegen Ende hält Netanjahu Trump wie eine Marionette in den Händen. So wird die eigentliche Botschaft der Videos visuell verdichtet: Die USA seien kein souveräner Staat, sondern von Israel gesteuert.

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Quelle: Instagram / ai_iraann

Die Anschlussfähigkeit der Videos ergibt sich aus der Verbindung von realpolitischen Bezügen und verschwörungsideologischer Zuspitzung: Kritik an Trump, an US-Militärinterventionen oder an der israelischen Regierung wird aufgenommen, mit Protestbildern wie „Fuck Trump“ oder „Fuck Israel“ unterlegt und dann in ein geschlossenes Narrativ überführt. Komplexe Zusammenhänge werden dabei nicht erklärt, sondern moralisch vereinfacht und personalisiert. Die Welt erscheint nicht als Ort konkurrierender Interessen, sondern als Bühne, auf der eine verborgene Macht alles lenkt.

Im letzten Teil kippt „Wake up America“ in eine offene Bedrohungserzählung. Das Video zählt Länder auf, denen die USA „Frieden und Demokratie“ bringen wollten, ohne dass diese Länder darum gebeten hätten – darunter auch Deutschland. Der Iran erscheint als rächende Gegenmacht: „We are the storm you can’t tame“. Gleichzeitig entwirft das Video eine Zukunftsvision, in der Israel einen globalen Krieg gegen die USA und ihre Bevölkerung führt: „Israel’s final war is against you all“. Dazu kommen Bilder zerstörter amerikanischer Städte, israelischer Militärpräsenz und Zivilist*innen in Ketten: „Do not say I didn’t warn you“

Ein später erschienenes Video mit dem Refrain „United States of Israel“, das am 21. April 2026 in den sozialen Medien auftauchte, führt dieses Narrativ noch weiter. Es lässt sich wie ein zweiter Teil von „Wake up America“ lesen, die Kernbotschaft wird noch direkter formuliert. Der Refrain „United States of Israel” verdichtet bereits die Aussage: Die USA seien letztlich eine Marionette Israels. Dieses Narrativ schließt direkt an die klassische antisemitische Verschwörungserzählung an, dass Jüdinnen und Juden eine globale Macht hätten und politische Ereignisse oder spezifisch die US-Politik lenken würden. Wieder erscheint dasselbe Lego-Männchen in iranischer Militärkleidung, diesmal vor einer jubelnden Menschenmenge mit Iran-Flaggen. Dazwischen laufen Bilder von Trump in Netanjahus Ketten, US-Flaggen mit Davidstern und das Weiße Haus mit Menora und Flagge Israels. Was im ersten Video schrittweise aufgebaut wird, wird hier direkt ausgesprochen.

Auch der populäre Account „explosivemediaa“ bedient das Narrativ, Israel kontrolliere andere Staaten. In Posts vom 9. und 11. Mai 2026 wird dieses Motiv auf die Vereinigten Arabischen Emirate übertragen. Auch hier wird das Narrativ mit realpolitischen Ereignissen verknüpft. So wird der Angriff des Iran auf die Vereinigte Arabische Emirate (VAE) in dem betreffenden Post damit legitimiert, dass diese als „Israel 2.0“ dargestellt werden: „UAE = Israel 2.0. That’s why Iran target them“. Entsprechend ist die Flagge der VAE mit einem Davidstern versehen; zudem wird das Staatsoberhaupt Scheich Al Nahyan mit funkelnden Augen und Kippa gezeigt.

Die Mischung aus spielerischer Ästhetik, KI-Bildern, „Disstrack” und politischer Zuspitzung macht die Clips zu einem wirksamen Format digitaler Propaganda. Lego ist in der westlichen Popkultur breit anschlussfähig, wirkt harmlos und erzeugt zunächst Distanzlosigkeit, Wiedererkennung und Unterhaltung. Auf dieser Oberfläche lassen sich politische Botschaften niedrigschwellig verbreiten. Die Videos nutzen nicht nur aktuelle Konflikte als Material, sondern verwandeln sie in eine emotional wirksame Erzählung, in der der Iran als gute Gegenmacht erscheint, während Israel als Zentrum globaler Einflussnahme und die USA als verlängerter Arm inszeniert werden. Antisemitische Verschwörungserzählungen werden dabei in ein virales, popkulturelles Format übersetzt.


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