Publikationen: Nach dem Verbot des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH)
Das neue Policy-Paper von democ und dem American Jewish Committee (AJC) Berlin analysiert den Iran-nahen zwölferschiitischen Islamismus in Deutschland nach dem Verbot des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH) 2024. Es zeigt, dass das Verbot zentrale Strukturen schwächte, die dezentralen und transnationalen Netzwerke jedoch fortbestehen.
Den gesamten Report der Autoren Christoph Gümmer und Emil Mink finden Sie hier: Nach dem Verbot des Islamischen Zentrums Hamburg (IZH). Dezentrale Netzwerke, neue Einflussräume und die Resilienz des zwölferschiitischen Islamismus in Deutschland (PDF-Download, 40 Seiten)
Über Jahrzehnte fungierte das Islamische Zentrums Hamburg (IZH) als Schnittstelle zwischen der Islamischen Republik Iran, der libanesischen Hisbollah und einem Netzwerk zwölferschiitisch-islamistischer Organisationen in Deutschland und Europa. Das Verbot des IZH und seiner Teilorganisationen im Jahr 2024 traf somit die zentrale iranische Einflussorganisation in Europa. Verschwunden sind die dahinterstehenden Netzwerke jedoch nicht. Vielmehr zeigt sich, wie an die Stelle verbotener Organisationen dezentrale Strukturen treten, neue Knotenpunkte entstehen und sich die Mobilisierung zunehmend in andere politische Milieus ausweitet.
Denn Vereinsverbote treffen zunächst Organisationen – nicht zwangsläufig die Netzwerke, die sie tragen. Der zwölferschiitische Islamismus in Deutschland war nie ausschließlich auf das IZH ausgerichtet. Über Jahre entstand ein transnationales Geflecht relativ eigenständiger iranischer, libanesischer, azeri-türkischer und türkischer Netzwerksegmente. Nach dem Verbot des IZH gewinnen insbesondere das azeri-türkische Netzwerk und Strukturen aus dem Umfeld der Avcı-Bewegung an Bedeutung. Gleichzeitig zeichnet sich Frankfurt am Main als neuer wichtiger Knotenpunkt ab.
Doch nicht nur die Strukturen verändern sich. Auch ihre gesellschaftliche Reichweite wächst über das schiitisch-islamistische Milieu hinaus. Seit dem 7. Oktober 2023 haben sich insbesondere die Kontakte zu Teilen der antiimperialistischen Linken intensiviert. Gemeinsame Bezugspunkte sind antiisraelische, antizionistische und antiwestliche Deutungsmuster sowie die Darstellung Irans und der sogenannten Achse des Widerstands als antiimperialistische Kräfte.
Eine wichtige Funktion übernehmen dabei BrückenakteurInnen und MultiplikatorInnen. Sie tragen Narrative in politische und gesellschaftliche Milieus, zu denen islamistische Organisationen selbst nur begrenzten Zugang haben. Eine besonders sichtbare Rolle spielen dabei Kader der Kommunistischen Organisation (KO).
Wie weit diese Annäherung inzwischen reicht, zeigte der Al-Quds-Tag 2026 in Frankfurt am Main. AkteurInnen aus der antiimperialistischen Linken übernahmen zentrale Aufgaben bei Anmeldung, Mobilisierung und Organisation der Demonstration. Zugleich blieb das schiitisch-islamistische Netzwerk präsent, das die Veranstaltung in Deutschland bislang maßgeblich getragen hatte. Der Al-Quds-Tag markiert damit einen vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, bei der sich bestehende islamistische Strukturen und neue politische Bündnispartner zunehmend überschneiden.
Für die sicherheitspolitische Bewertung bedeutet das: Der Blick auf einzelne Vereine und formale Organisationen reicht nicht aus. Vereinsverbote können zentrale Strukturen schwächen und Handlungsspielräume einschränken. Resiliente, transnational organisierte Netzwerke können jedoch Funktionen neu verteilen und Strukturen ersetzen. Entscheidend ist deshalb, auch dezentrale Netzwerke, neue Knotenpunkte, BrückenakteurInnen und MultiplikatorInnen in den Blick zu nehmen und zu untersuchen, wie über neue Bündnisse gesellschaftliche und politische Einflussräume erschlossen werden.
Entstanden ist die Publikation im Rahmen des Projekts MAAP – Monitoring antisemitischer Protestdynamiken. Gefördert wird das Projekt durch den Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus.