Die Anadolu Gençlik Derneği (AGD) und ihre Verbindung zur Hamas
Israelfeindliche Netzwerke
von Meira García
Inhalt
Zusammenfassung
Bei antiisraelischen Protesten in Deutschland mischen zunehmend islamistische Gruppen mit, darunter auch die von den Sicherheitsbehörden und der Öffentlichkeit bislang wenig beachtete »Avrupa Gençlik Derneği« als europäischer Ableger der türkischen »Anadolu Gençlik Derneği« (AGD).
- Die AGD ist eine islamistische Jugendorganisation und gilt als Kaderschmiede der »Millî Görüş«-Bewegung, die ein schariabasiertes Gesellschaftsmodell anstrebt und die freiheitlich-demokratische Grundordnung ablehnt.
- In der Türkei unterhält die AGD enge Kontakte zu führenden Hamas-Funktionären und unterstützt unverhohlen deren Terror.
- Das Netzwerk sammelt Spenden, vorgeblich zur Unterstützung von notleidenden Muslimen. Die tatsächliche Verwendung der Gelder bleibt intransparent, was die Gefahr einer Weiterleitung an Hamas-Strukturen birgt.
- In Deutschland gelingt es der AGD, über propalästinensische Proteste mit menschenrechtlicher Fassade islamistische Positionen im öffentlichen Diskurs salonfähig zu machen.
Abstract
Die Analyse politischer Mobilisierungsprozesse im Kontext sogenannter Solidaritätsdemonstrationen für Palästina zeigt in Deutschland eine wachsende Beteiligung islamistisch geprägter Netzwerke, die den jüngsten Gazakrieg bewusst als Instrument nutzen, um ihren ideologischen Kampf gegen Israel voranzutreiben.
Neben Politgruppen engagieren sich religiöse Vereinigungen, die im Hintergrund nicht nur die strategische Ausrichtung der Proteste beeinflussen, sondern diese auch nutzen, um AnhängerInnen für ihre Ideologien zu gewinnen.
Eine bisher wenig beachtete Gruppierung in diesem Zusammenhang ist die türkische Jugendvereinigung Anadolu Gençlik Derneği (AGD), die in der politisch-islamistischen Millî-Görüş-Bewegung verwurzelt und eng mit der Saadet Partisi (türkisch für: Partei der Glückseligkeit) verbunden ist.
Eine genauere Betrachtung zeigt, dass die AGD in der Türkei weitreichende Kontakte zu führenden Funktionären der Hamas unterhält und deren ideologische Ausrichtung und terroristische Ziele öffentlich unterstützt.
Über ihre europaweiten Ableger wirken diese Verbindungen potenziell in hiesige Protest- und Gemeindestrukturen von Millî Görüş.
Die vermeintlichen Solidaritätsdemonstrationen dienen zunehmend als Rekrutierungs- und Propagandaplattform für Organisationen, die offen mit der Terrororganisation Hamas sympathisieren und deren Vernichtungsziel bezüglich Israel teilen.
Einleitung
Seit dem Terroranschlag der Hamas vom 7. Oktober 2023 mit circa 1.200 Toten und 250 verschleppten Geiseln finden in Deutschland nahezu täglich Demonstrationen mit israelfeindlichen und antisemitischen Inhalten statt, die die Diskursgrenzen verschoben haben und die Sicherheit von Jüdinnen und Juden nachhaltig beeinträchtigen. Die Demonstrationen präsentieren sich öffentlich als spontan und humanitär motiviert, werden jedoch überwiegend von politisch-ideologischen Netzwerken organisiert, die das Existenzrecht Israels ablehnen und systematisch an dessen Delegitimierung arbeiten. Neben linken Parteien sowie links-antiimperialistisch und -internationalistisch geprägten Gruppen haben sich auch islamistische Netzwerke, die unter dem Deckmantel der Humanität antisemitische und antidemokratische Ideologien und Narrative verbreiten, in die Proteste eingegliedert. Dazu zählt nicht nur die Kalifatsbewegung mit der am 5. November 2025 vom Innenministerium verbotenen Vereinigung Muslim Interaktiv (MI) sowie den an diesem Tag von Razzien betroffenen Gruppierungen Generation Islam (GI) und Realität Islam (RI), sondern auch der Verein Avrupa Gençlik Derneği als deutscher Ableger der sich zur Weltanschauung von Millî Görüş bekennenden türkischen Jugendvereinigung Anadolu Gençlik Derneği (AGD). Ihre wachsende Präsenz in der Mobilisierung und Ausrichtung von Demonstrationen und Kampagnen in Deutschland im Kontext des Gazakrieges deutet auf eine gezielte Instrumentalisierung des Konflikts hin, um Israel zu delegitimieren und gleichzeitig islamistische Ideologien in der muslimischen Gesellschaft zu verankern und zu normalisieren sowie AnhängerInnen zu gewinnen.
Die Anadolu Gençlik Derneği (AGD) und ihr europäischer Ableger
Die Anadolu Gençlik Derneği (AGD; türkisch für: Anatolischer Jugendverband) mit der dazugehörigen Millî Gençlik Vakfı (MGV; Nationale Jugendstiftung) ist eine islamistisch-politische Jugendorganisation aus der Türkei mit Hauptsitz in Ankara und dient als Plattform zur Mobilisierung und politischen Sozialisation junger Menschen. Gegründet wurde sie 1979 von dem ehemaligen türkischen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan als Kaderschmiede für die ebenfalls von ihm initiierte Millî-Görüş-Bewegung (Nationale Sicht), aus der unter anderem die islamistische politische Saadet Partisi hervorging. Diese Struktur ist auf ideologische Expansion ausgerichtet und hat eng miteinander verflochtene Ableger in ganz Europa. Der 2011 verstorbene Necmettin Erbakan gilt der Bewegung als spirituelle und ideologische Führungsfigur. In seinem Sinne verfolgt die AGD das langfristige Ziel, eine Jugend zu formen, die sich an strengen islamischen Werten orientiert. Laut Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen verfolgen AGD und Millî Görüş ein islamistisches, schariabasiertes Gesellschaftsmodell, das im Widerspruch zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung steht. Weil sie dieses Ziel gewaltfrei verfolgen, werden sie dem legalistischen Islamismus zugeordnet.
In Österreich und Deutschland operiert die Organisation als eingetragener Verein, der formal zwar unabhängig ist, ideologisch und organisatorisch jedoch an die türkische Mutterorganisation angebunden bleibt. Die AGD organisiert europaweit regelmäßig Netzwerktreffen, Jugendcamps, Konferenzen, Seminare und religiöse Feiern, um ihre Werte zu verbreiten und junge MuslimInnen zu einer Lebensweise im Einklang mit ihrer Ideologie zu erziehen. Während die AGD in Deutschland öffentlich zurückhaltend auftritt, unterstützt die Mutterorganisation offen die Hamas und pflegt direkten Kontakt zu Führungskräften der Terrorgruppe aus dem Gazastreifen.
Organisation und rechtliche Struktur in Deutschland
Die Registrierung des Vereins in Deutschland mit Sitz in Berlin erfolgte im November 2019 als religiöse Vereinigung mit gemeinnützigem Anspruch beim Amtsgericht Charlottenburg unter dem Namen »AGD Avrupa Gençlik Derneği Almanya e. V.« (Europäische Jugendvereinigung Deutschland). Er koordiniert Aktivitäten innerhalb der türkischen Diaspora mit Tätigkeitsschwerpunkten in Berlin, Köln, Gießen, Hamburg und Bremen. Rechtlich entspricht die Struktur den Vorgaben des deutschen Vereinsrechts und wird von einem Vorstand geführt, dessen Landesvorsitzender der in Berlin ansässige Mustafa U. ist.
Die europaweite Vernetzung zeigt sich nicht nur an der Vereinsgründung, die in der Europazentrale der AGD in Wien stattfand, sondern auch am Vorstand, in dem auch Mitglieder aus Österreich und England wirken. Finanziert wird der Verein über Mitgliedsbeiträge und vermutlich auch Spenden von Sympathisierenden mit Verbindungen zur Türkei. Die Eintragung erfolgte unter der Privatadresse von Mustafa U. Social-Media-Beiträge zeugen aber davon, dass Anfang 2025 Vereinsräume in der Neuköllner Boppstraße ausgebaut wurden, die für ideologische Schulungen, religiöse und kulturelle Veranstaltungen sowie administrative Tätigkeiten genutzt werden. Laut Vereinsunterlagen ist der Vereinszweck die Förderung von Kunst und Kultur, Bildung und Erziehung, Umweltschutz, Katastrophen- und Zivilschutz und die Förderung mildtätiger Zwecke. In Deutschland verfügt der Verein derzeit über keine ausgebauten Websites. Die Außendarstellung erfolgt über soziale Medien wie Facebook, Instagram, TikTok, WhatsApp und Telegram.
Ideologischer Überbau der AGD
Die AGD verfolgt das Ziel, eine Generation heranzuziehen, die konservative religiöse Werte mit türkischer Identität verknüpft. Ihr Leitsatz »Önce ahlak ve maneviyat« (Zuerst Moral und Spiritualität) geht auf den Gründer von Millî Görüş, Necmettin Erbakan, zurück und betont die Priorität moralischer und religiöser Prinzipien gegenüber westlichen und säkularen Einflüssen in der Erziehung und Mobilisierung von Jugendlichen. Dieser Leitsatz bildet ein ideologisches Fundament der Bewegung und soll MuslimInnen in Europa vereinen, insbesondere die türkische Diaspora, deren türkisch geprägte Loyalität zur muslimischen Gemeinschaft (Umma) gestärkt werden soll. Dabei werden ideologische und politische Ziele mit dem religiösen Pflichtgefühl der Einzelnen verknüpft, während säkulare Systeme als Hindernis und Bedrohung der islamischen Ordnung und Identität betrachtet werden. Der Islam gilt hier nicht nur als Religion, er ist vielmehr ein allumfassendes Gesellschaftsmodell. Als internationales türkisch-islamistisches Netzwerk versucht die AGD, konservativ-islamische Werte in europäischen Gesellschaften zu verankern.
Beiträge in sozialen Medien werden beinahe immer mit dem türkischen Hashtag #YeniBirDünya (Eine neue Welt) versehen, der die AGD-Vision von Gerechtigkeit und moralischer Erneuerung präsentieren soll. Tatsächlich handelt es sich dabei aber um ein zentrales ideologisches Konstrukt der Millî-Görüş-Bewegung, das auf Erbakans antiwestlicher Zivilisationskritik fußt. Die »neue Welt« bedeutet nicht bloß eine bessere Gesellschaft, sondern die grundlegende Ablehnung der westlichen Zivilisation. #YeniBirDünya steht für eine politische Endzeitvision: die Etablierung einer globalen islamischen Ordnung unter türkischer Führung, in der eine islamistische Erziehung, die Geschlechtertrennung, eine Verhüllungspflicht und eine antisäkulare Politik die Grundlage bilden. Der Hashtag dient als Erkennungszeichen und Rekrutierungsinstrument in der Diaspora, verbindet türkische Jugendliche in Deutschland emotional mit der Mutterorganisation in Ankara und offenbart ein dualistisches Weltbild: fromme MuslimInnen mit türkischer Identität gegen einen Westen, der als Feindbild von Moral, Familie und Glaube gilt. #YeniBirDünya ist ein strategisches Mobilisierungssignal, das antiwestliche Ressentiments in moralischen Widerstand umdeutet und die politische Radikalisierung junger Menschen kaschiert. Über Jugendcamps, Bildungsprogramme und Social Media sollen langfristig loyale Kader für die Millî-Görüş-Bewegung und mit ihr verbundene Parteien wie die Saadet Partisi aufgebaut und an sie gebunden werden.
Antizionismus als Teil der Ideologie
Antizionismus ist ein zentraler Bestandteil der Ideologie der AGD und eng mit dem Leitmotiv »Zuerst Moral und Spiritualität« sowie dem Konzept der Umma – der Vereinigung aller MuslimInnen – verknüpft. Diese Verbindung wurzelt in der Weltanschauung von Necmettin Erbakan, der einer dualistischen Sicht folgte: Auf der einen Seite stehen die islamische Moral und Spiritualität als Ideal für eine gerechte Weltordnung, auf der anderen Seite die westlichen, »materialistischen« Werte, die dieser Ordnung entgegenstehen und als vom Zionismus gelenkt angesehen werden. Der Zionismus gilt als Symbol westlicher Vorherrschaft und Ungerechtigkeit und wird als Unterdrückung der muslimischen Gemeinschaft dargestellt.
Erbakans Ideologie enthält antisemitische Narrative und Verschwörungserzählungen, die eine über 5 000 Jahre andauernde Weltherrschaft des Judentums – eine jüdische Weltverschwörung – unterstellen und Juden und Jüdinnen pauschal als Kräfte des Bösen und als »Strippenzieher« stigmatisieren, von denen die Welt zu befreien sei.7 Sein Denken und seine Rhetorik prägen bis heute die politischen Aktivitäten der AGD, etwa durch Unterstützung antiisraelischer Kampagnen, die Vernetzung mit antizionistischen AkteurInnen und die Zusammenarbeit mit Terrorgruppen wie der Hamas.
Israelfeindliche Mobilisierung seit dem 7. Oktober und die AGD
AGD-Netzwerk in der Türkei und die Hamas
Bereits wenige Stunden nach Beginn des Anschlags islamistischer Gruppen in Israel sowie an den folgenden Tagen veröffentlichte der AGD-Vorsitzende der türkischen Mutterorganisation, Salih Turhan, auf seinem Social-Media- Account Beiträge, die den Terror gegen israelische ZivilistInnen verherrlichten. Am Morgen des 7. Oktober 2023 schrieb er auf X: »Den tapferen Söhnen des Widerstands gegen die zionistische Besatzungsmacht Israel, die die ›Aqsa-Flut‹ ausgelöst haben, wünsche ich viel Erfolg bei dieser Operation. Möge unser Herr unseren Brüdern den Sieg schenken. Möge er zur Befreiung von Jerusalem und Palästina beitragen.« Noch während Menschen im israelischen Grenzgebiet zum Gazastreifen um ihr Leben bangten, postete Turhan: »Unser Kampf wird so lange weitergehen, bis die israelischen Besatzungstruppen aus den palästinensischen Gebieten vertrieben worden sind.« In einem weiteren Beitrag schrieb er: »Wir erkennen keinen Staat namens Israel an. All diese Gebiete gehören zu #Palästina. Bis der Besatzer Israel sich zurückzieht, werden wir unseren ehrenhaften und würdigen Kampf fortsetzen.«
Die AGD organisierte in der Türkei noch am Abend des 7. Oktober Märsche zur Unterstützung der palästinensischen Islamisten. DemonstrantInnen hielten Plakate hoch, auf denen »Die nationale Jugend steht hinter der Hamas«, »Grüße an die Hamas, weiter so!« oder »Lang lebe die Hölle für die Unterdrücker« zu lesen war. Seit dem durch den Terrorangriff am 7. Oktober 2023 ausgelösten Gazakrieg traten bei großen Veranstaltungen der AGD hochrangige Funktionäre der Hamas auf. Gast bei mehreren solcher Events im Jahr 2024 war das Mitglied des Hamas-Politbüros Fathi Hamad (auch: Hammad). Hamad, der mutmaßlich in der Türkei lebt, war von 2009 bis 2014 Innenminister im Gazastreifen und leitete paramilitärische Einheiten, die für Terroranschläge verantwortlich waren. Auf einer Kundgebung zum »Marsch der Rückkehr« am 12. Juli 2019 im Gazastreifen, die im Satellitensender Al-Aqsa ausgestrahlt wurde, forderte er, Attentate auf Jüdinnen und Juden auszuführen und diese zu ermorden: »Wir müssen jeden Juden auf der Erde angreifen, um sie mit Allahs Hilfe abzuschlachten und zu töten. […] Wir haben, Gott sei Dank, eine Fabrik für Selbstmordwesten gebaut. […] Wir werden es zu euch schaffen. Ihr seid dem Tode geweiht.« Von PalästinenserInnen forderte er: »Wir wollen, dass ihr eure Messer schwingt! Wie viel muss uns die Kehle eines Juden kosten? […] Unsere Männer sind bereit, zu sterben und den Zaun zu durchbrechen. Wir sind in Gaza geboren, um dem zionistischen Gebilde ein Ende zu setzen.« Obwohl die Hamas-Führung von seinem judenfeindlichen Ton wenige Tage später Abstand nahm, hielt sie an dem hochrangigen Politbüro- Mitglied fest. Seine Bedeutung für die Terrororganisation zeigte sich auch in seiner Teilnahme als Delegationsmitglied einer Reise nach Moskau im Frühjahr 2022 unter Leitung des Multimilliardärs und stellvertretenden Vorsitzenden der Hamas im Ausland, Mousa Abu Marzouk.
Auch auf dem Quds-Marsch, der am 4. April 2024 im türkischen Konya von der AGD veranstaltet wurde, verband Hamad religiöse Aufrufe mit genozidaler Rhetorik. Mit Allahs Hilfe solle Palästina von den »Söhnen der Affen und Schweine« befreit werden, und:
»Sie werden gemeinsam aufstehen, um Al-Aqsa zu befreien, […] wir werden die verfluchten Juden vertreiben. […] Und, so Gott will, werden durch euch die Moral/der Zusammenhalt gestärkt, und wir werden die Juden töten, und wir werden sie aus dem Land Palästina vertreiben. Damit ihr alle, wenn ihr die Pilgerfahrt nach Mekka macht, zu Al-Aqsa zurückkehrt und dort betet, so Gott will.«
Gemeinsam skandierte man dann: »Grüße an die Hamas, der Widerstand geht weiter!« Nur wenig später sprach Fathi Hamad dann auf dem Jugendfest der AGD in Ankara. Dort lobte er den ungebrochenen Widerstand und überreichte dem Vorsitzenden der AGD, Salih Turhan, ein Bronzerelief als Dank dafür, dass unter »allen Jugendbewegungen der islamischen Welt die Anadolu Gençlik Derneği seit dem 7. Oktober die größte Unterstützung geleistet hat«.
Ein Jahr später, am 24. Mai 2025, wurde ein weiteres Mitglied des Hamas-Politbüros auf die Bühne gebeten: Suhail al-Hindi, die rechte Hand des getöteten Yahya Sinwar, sprach beim Fest der AGD in Konya zur Erinnerung an den Istanbuler Eroberungsmarsch. Er betonte in seiner Rede: »In Gaza werden wir als Kassam-Brigaden und Mudschahedin niemals die Waffen niederlegen. Wir werden bis zum Äußersten, bis zum letzten Tropfen unseres Blutes Widerstand leisten, […] wir werden gegen diese zionistischen Hunde, gegen die Unterdrücker siegen.« Ein großes, weißes Transparent, das vor der Bühne aufgespannt war, trug die Aufschrift »Mekka, Istanbul, jetzt ist Jerusalem an der Reihe«. Daneben war nicht nur das Porträt von Necmettin Erbakan als Gründer der AGD und der islamistischen und antisemitischen Millî-Görüş-Bewegung abgebildet, sondern auch die Gesichter sogenannter Märtyrer: von Ahmad Yasin, dem Gründer der Hamas, von Yahya Sinwar, dem ehemaligen Anführer der Hamas im Gazastreifen und maßgeblich Verantwortlichen für das Massaker vom 7. Oktober 2023, sowie von Ismail Haniyya, dem früheren Leiter des Hamas-Politbüros.
Dass die AGD im Sinne der Hamas die Vernichtung Israels und seiner Bevölkerung fordert, wird auch durch ein KI-generiertes Video zu einem Lied der Organisation aus Antalya deutlich. Der Clip beschwört den bewaffneten Kampf und zeigt am Ende eine in Flammen stehende Israelflagge – versehen mit dem Hashtag #yıkılsınisrail (Möge Israel zerstört werden).
Gemeinsame Veranstaltungen, Ehrungen, die Idealisierung des bewaffneten Kampfes und die Verehrung gefallener Hamas-Führer zeigen eine enge strategische Zusammenarbeit zwischen der türkischen AGD und der Hamas, die weit über bloße Sympathien hinausgeht. Sie verfolgen gemeinsame politische, religiöse und propagandistische Ziele. Die europäischen Ableger, auch die deutsche Sektion, sind durch ihre organisatorische Verflechtung und den engen Austausch mit der türkischen Mutterorganisation Bestandteil dieser Allianz. Wegen der strafrechtlichen Verfolgung von Terrorunterstützung in Deutschland und der EU sowie der möglichen Beobachtung durch den Verfassungsschutz agieren sie hierzulande deutlich zurückhaltender – doch in den sozialen Medien sind Kooperation, gegenseitige Besuche und gemeinsame Veranstaltungen offen dokumentiert.
Intransparente Mobilisierung in Deutschland
Nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 und dem folgenden Krieg im Gazastreifen entstand weltweit eine ideologisch heterogene, aber zunehmend radikalisierte Protestbewegung gegen Israel. In Berlin gehörte zu den zentralen Akteuren ein Personenkreis, der sich Justice48 nannte und bis Ende 2024 unter diesem Label israelfeindliche Großkundgebungen organisierte. Obwohl die Social-Media-Kanäle der Gruppe inzwischen gelöscht sind, existiert diese Personenallianz weiter und verlagert ihre Aktivitäten zunehmend auf überregionale Veranstaltungen. Die Berliner AGD war von Anfang an fester Bestandteil dieses Bündnisses: Sie rief nahezu zu allen Justice48-Versammlungen auf und nutzte die Plattform, um unter deren Dach Präsenz zu zeigen – ohne jedoch eine eigenständige inhaltliche Linie dominierend einzubringen. Das Netzwerk um Justice48 ist durchsetzt mit Akteuren aus dem islamistischen Spektrum.
Zentraler Akteur ist Serhat Sisik, der auf Social Media als »Aggressionsprobleme« auftritt und sich wahlweise als Fotograf, Journalist oder Nahost-Experte präsentiert. Auf Instagram und TikTok folgen ihm zusammen über 448 000 Accounts (Stand: Oktober 2025). Mit seiner großen Reichweite agiert Sisik als Multiplikator für israelfeindliche Inhalte und Desinformation, die er systematisch beinahe täglich über Social Media verbreitet. Gespickt sind seine Beiträge häufig mit islamistischer Propaganda, etwa wenn er die Salafistin Hanna Hansen verharmlost oder Musik als schwere Sünde brandmarkt, die der Umma schade und Muslime in die Irre führe. Zu dem Personenkreis um Sisik und Justice48 gehören zudem Anhänger der Kalifatsbewegung und türkische NationalistInnen. Ahmad Tamim, ehemaliger Kopf der sich 2024 selbst aufgelösten Gruppe Generation Islam (GI), trat wiederholt als Hauptredner bei Justice48-Veranstaltungen auf und verbreitete dort Vernichtungsfantasien gegen Israel sowie Appelle an muslimische Länder, Israel gemeinsam militärisch anzugreifen. Die AGD wiederum agiert häufig als stiller Mitorganisator im Hintergrund; ihre zentrale Rolle wird nach außen nicht kommuniziert.
Autokorsos
Seit dem 7. Oktober 2023 organisierte der Personenkreis um Justice48 zahlreiche israelfeindliche Versammlungen in Berlin, wobei der Autokorso zu einer charakteristischen Protestform der Gruppe wurde. An diesen Konvois wirkte die AGD konstant im Hintergrund mit – nachweislich durch geteilte Mobilisierungsaufrufe sowie veröffentlichte Videos und Social-Media-Beiträge, die neben dem Logo der Sisik-Gruppe durchgängig das Wasserzeichen der AGD trugen. Auch im Nachgang versah die AGD Aufzeichnungen der Veranstaltungen mit ihrem eigenen Branding und verbreitete sie weiter. Bereits 2021 hatte die AGD zusammen mit dem Verband der palästinensischen und arabischen Vereine einen vergleichbaren Autokorso gegen Israel durchgeführt. Ein entsprechendes Video war auf dem offiziellen Kanal der AGD Wien veröffentlicht worden. Dieses zeigt bereits jenes Wasserzeichen-Design, das identisch seit 2023 auf nahezu allen Mobilisierungsplakaten der Justice48-Veranstaltungen zu finden ist. Insbesondere auf den Autokorsos dominierten neben palästinensischen auch türkische Fahnen, und Teilnehmende zeigten offen den sogenannten Wolfsgruß – das Handzeichen der rechtsextremen türkisch-nationalistischen Grauen Wölfe (Ülkücü-Bewegung). Mobilisierungsplakate zeigen häufig Kinder vor einem brennenden Inferno oder – wie im Dezember 2024 – eine offen antisemitische Darstellung Netanjahus als blutgieriger Dämon mit Teufelskrallen. Gleichzeitig blieb die Gruppe um Justice48 fester Bestandteil des breiteren israelfeindlichen Netzwerks, das islamistische, linksradikale und türkisch-nationalistische AkteurInnen miteinander verknüpft.
Die AGD und die AGD AID
Zwei Personen, die eng an der Seite von Serhat Sisik auftraten und an der Organisation der Autokorsos und Demonstrationen beteiligt waren, sind die Berliner Yachya R. und Fouad A. Beide engagieren sich als Spendensammler und als Reisende für humanitäre Projekte in muslimisch geprägten Regionen, wobei sie zugleich als Kooperations- und Ansprechpartner für die AGD AID International Aid for Global Development fungieren – eine karitativ auftretende Organisation unter dem Dach der AGD Wien. Wie die Avrupa Gençlik Derneği, die europaweite Jugendvereinigung der AGD, ist auch die AGD AID ein Ableger des türkisch-anatolischen Jugendverbands AGD und Teil des Netzwerks der islamistischen MillîGörüş-Bewegung. Nach eigener Darstellung verfolgt die AGD AID einen ganzheitlichen Ansatz zur Bekämpfung sozialer Probleme aller Art. Auf der Webpräsenz werden unter anderem Suchtprävention, soziale und psychologische Unterstützung für Familien und Jugendliche sowie religiöse Dienste aufgeführt. Ein Schwerpunkt liegt auf der Verteilung von Lebensmitteln und dem Betrieb von Essensausgaben in Kriegsgebieten, einschließlich des von der Hamas regierten Gazastreifens. Darüber hinaus organisierten AGD Berlin und AGD AID im März 2025 eine gemeinsame Spendengala für Gaza. Bei dieser zweitägigen geschlechtergetrennten Veranstaltung wurden den Angaben der Organisation zufolge mehr als 76 000 Euro gesammelt. Wie Hilfsgüter trotz Blockade in den Gazastreifen gelangen und dort verteilt werden können, bleibt ungeklärt. Die vorgelegten Bild- und Videobeweise lassen sich nicht unabhängig verifizieren. Öffentlich einsehbare Bilanzen oder Verwendungsnachweise fehlen vollständig.
Ähnliches gilt für die diesjährige Kurban-Spendenaktion der AGD AID zum islamischen Opferfest (Eid al-Adha). Dieses Fest erinnert an die Bereitschaft des Propheten Ibrahim, seinen Sohn zu opfern. Traditionell schlachten wohlhabende Muslime ein Tier und verteilen das Fleisch zu je einem Drittel an die eigene Familie, an FreundInnen und an Bedürftige. Die AGD AID wandelt diese rituelle Praxis in organisierte Spendenaufrufe um – offiziell, damit auch Menschen in Not am Opferfest teilhaben können. Hierbei wurden Fouad A., Yachya R. und der AGD-Vorsitzende in Deutschland, Mustafa U., als Mitglieder des Berliner Kurban-2025- Teams präsentiert, wobei der Berlin-Beauftragte R. als Spendenbegünstigter sein persönliches Paypal-Konto angab. Anschließend veröffentlichten die drei Aktivisten auf ihren Instagram-Profilen Videos, die sie bei der Verteilung von Hilfsgütern in Äthiopien im Auftrag von AGD AID zeigen. Sie tragen dabei Westen mit dem AGD-Logo. Da der Verein in keinem Zuwendungsempfänger- oder Transparenzregister verzeichnet ist, bleiben sowohl die Höhe der Kurban-Spenden als auch der tatsächliche Verbleib der Gelder ungeklärt. Die Spendeneintreibung, die mit professioneller Werbung und Unterstützung durch InfluencerInnen kombiniert wird, bleibt durchgängig intransparent.
Bereits im März 2024 wurde Fouad A. auf dem Instagram-Kanal »Soul of my Soul« (soms) als Wohltätigkeitsaktivist vorgestellt. Soms ist eine Community- Plattform für palästinensischen Aktivismus und vereint Solidaritätsaufrufe mit Merch-Verkäufen und Aufrufen zu Spenden und Events. In den entsprechenden Beiträgen wirbt A. offen um Spenden, während AGD-Propagandavideos eingeblendet werden. Als Empfänger der Spenden wird das offizielle Konto der AGD Wien angegeben. Ergänzend dazu wird ein privates Paypal-Konto genannt, das mit einem kurzen, emotionalen Appell vor einer Hungersnot in Gaza warnt. Diese Spendensammlung erfolgt in völliger Intransparenz: Es fehlen jegliche Angaben dazu, wofür das Geld konkret verwendet werden soll, wer die hinter dem privaten Paypal-Konto stehende Person tatsächlich ist und wie die Spenden überhaupt in Gaza ankommen sollen. Der Aufruf erfüllt damit Merkmale eines potenziellen Spendenbetrugs und erweckt in hohem Maße den Eindruck eines Scams.
Global Sumud Flotilla
Die Global Sumud Flotilla 2025 (ṣumūd – arabisch für: Standhaftigkeit) stellte nach Angaben der OrganisatorInnen mit über vierzig Schiffen und mehreren Hundert Teilnehmenden die bislang umfangreichste maritime Unternehmung dieser Art dar, wenngleich sie keineswegs die erste war. Seit 2010 zielen vergleichbare Initiativen auf das Durchbrechen der israelischen Seeblockade des Gazastreifens ab. Erst der 7. Oktober 2023 und die darauf einseitig gegen Israel einsetzenden Demonstrationen führten zu einer breiten medialen Aufmerksamkeit – verstärkt durch die Unterstützung bekannter Persönlichkeiten wie der ehemaligen Klimaaktivistin Greta Thunberg und eine durchgängig professionelle Marketingoffensive.
Organisiert wird die Kampagne von einem Netzwerk antiisraelischer Gruppen, darunter Free Gaza Movement, International Solidarity Movement (ISM) und diverse BDS-nahe Koalitionen. Ein Kernbestandteil der Kampagne ist die Behauptung, die israelische Seeblockade sei völkerrechtswidrig – eine einseitige Darstellung, die Israels Sicherheitsinteressen und Ägyptens vergleichbare Grenzkontrolle ausblendet. Die Blockade wird kontextlos zur »Belagerung« hochstilisiert, während die international als Terrororganisation eingestufte Hamas verschwiegen oder gar zum Opfer erklärt wird.
Deutlich wird die politische Instrumentalisierung auch am türkischen Anteil der Flottille: Von den rund 500 Teilnehmenden stammten 56 aus der Türkei, womit die türkische Delegation die größte unter den teilnehmenden Ländern war; vertreten waren darin Millî-Görüş-Strukturen, darunter FunktionärInnen der Saadet Partisi und der AGD. Die Flottillen-Kampagne wurde durch diese Netzwerke intensiv in sozialen Medien begleitet. Die zu Millî Görüş gehörende Tageszeitung Millî Gazete berichtet, dass die Flottille ursprünglich als Hommage an den Gründer der Millî-Görüş-Bewegung unter dem Namen »Prof. Dr. Necmettin Erbakan Özgürlük Filosu« starten sollte. Die Partei soll sich jedoch zum Zwecke der breiteren internationalen Akzeptanz zurückgezogen haben, wobei die Organisierung der türkischen Sektion bei AGD und YENİAD (einem Verbund von Wirtschaftsinitiativen, der zur Millî-Görüş-Bewegung gehört) verblieb. In einem Interview mit dem der Struktur nahestehenden Sender TV5 vom 11. Oktober 2025 berichtet der Vorsitzende Salih Turhan, die AGD habe die Flottillen-Kampagne finanziell, organisatorisch und in der Koordination und Schulung der Teilnehmenden maßgeblich mitgetragen. Auch wenn die exakten Details unabhängig schwer zu verifizieren sind, steht fest, dass die AGD eine wichtige Struktur innerhalb der Sumud-Flottille bildete, was ein Licht auf den ideologisch geprägten Charakter dieser Mission wirft.
Wie sehr die Hamas in diesen türkischen Strukturen tatsächlich wirkt, zeigte sich auch bei der Veranstaltung mit dem Titel »Cihada Adanmış Hayatlar« (Leben im Dienste des Dschihad), die am 26. Oktober 2025 in Trabzon stattfand. Dort traten als Redner Sinan Akılotu, Vorstandsmitglied einer türkischen Ortsgruppe der AGD und Teilnehmer der Sumud-Flottille auf dem Schiff »Marinette«, sowie der hochrangige Hamas- Funktionär Dr. Teysir Süleyman auf – Letzterer ein ehemaliges Gründungsmitglied der Qassam- Brigaden und aktueller Sprecher des Hamas-Büros in der Türkei. Die Veranstaltung wurde mit einer heroischen Inszenierung von Hamas-Führungsfiguren als Märtyrern beworben, darunter Yahya Sinwar und der Sprecher der Qassam- Brigaden, Abu Obaida. Bereits kurz nach seiner Rückkehr aus israelischer Haft erklärte das AGD-Mitglied Sinan Akılotu in einem Video, das von führenden AGD-FunktionärInnen geteilt und verbreitet wurde, offen das eigentliche Ziel der Flottille: Von Anfang an sei nicht geplant gewesen, Gaza tatsächlich zu erreichen. Vielmehr habe man die Schiffe bewusst als Mittel eingesetzt, um Israel in internationalen Gewässern zu einer militärischen Reaktion zu zwingen und die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf das zu lenken, was er als »zionistisch-israelische Unterdrückung« bezeichnet. Dieses Eingeständnis macht deutlich, dass die angeblich humanitäre Aktion von vornherein als gezielte politische und mediale Provokation konzipiert war. Gleichzeitig unterstreicht sie die enge ideologische sowie strategische Nähe zwischen Teilen der türkischen AGD, propalästinensischen AktivistInnen und der Hamas.
Auch die deutsche Sektion der AGD mit Sitz in Berlin beteiligte sich aktiv an der Mobilisierung für die Flottille. Mit mehreren Beiträgen in sozialen Medien wurde die Initiative öffentlich unterstützt. Am 2. September 2025 gab die AGD Berlin auf Instagram bekannt, dass sich ihr Vorsitzender Mustafa U. in Tunis aufhalte, um sich der Global Sumud Flotilla anzuschließen. Das Posting wurde begleitet von den Worten: »Möge Allah eure Tapferkeit belohnen und den Bann des Bösen brechen! Es braucht keine Armee, sondern eine tapfere Gemeinschaft, die Allah vertraut und in seinem Namen agiert.« Am 8. September schließlich erschien ein gemeinsames Foto von U. und dem zentralen Flottillen-Aktivisten Thiago Silva. Nur zwei Tage später, am 10. September, verkündete die AGD Berlin jedoch U.s Rückzug. Die zentrale Leitung der Flottille habe, so hieß es, eine strategische Entscheidung getroffen: Um den politischen Druck zu maximieren und »die europäischen Regierungen direkt mit dem zionistischen Staat Israel zu konfrontieren«, sollten künftig verstärkt EuropäerInnen an der Mission teilnehmen. Uçan kommentierte diese Entscheidung mit den Worten: »Auch wenn wir zurückbleiben, werden wir, so Gott will, die Flotilla mit all unserer Kraft von Land aus unterstützen. Der Kampf geht weiter, bis Al-Quds frei ist und Gaza wieder atmen kann!«
Nachdem die Teilnehmenden der Flottille schließlich – wie erwartet – von der israelischen Marine an der Durchbrechung der Blockade gehindert worden waren, kam es weltweit zu Solidaritätskundgebungen. Eine dieser Versammlungen fand am 2. Oktober 2025 am Alexanderplatz in Berlin statt. Organisiert wurde sie aus dem Netzwerk um Serhat Sisik mit Fouad A. als zentralem Akteur und Moderator. Eine Rede hielt auch Sisik, der die Israelis als die einzigen Terroristen darstellte und dazu aufrief, die Notfallnummern des Auswärtigen Amtes mit Anrufen lahmzulegen. Im internen Bereich der Veranstaltung war auch Mustafa U., der mutmaßlich auf seine Redezeit wartete. Bekleidet war er mit einem Schal mit dem Logo der AGD. Die Veranstaltung endete jedoch vorzeitig, ohne dass Uçan ans Mikrofon treten konnte: Weil Dutzende Teilnehmende aus der Versammlung heraus versucht hatten, die Gleise der Straßenbahn am Alexanderplatz zu blockieren, wurde ein größerer Polizeieinsatz ausgelöst, in dessen Verlauf die Versammlung aufgelöst wurde.
Verbindungen zwischen der AGD und der Konferenz der Palästinenser in Europa
Ein gut vernetzter und seit über zehn Jahren in Berlin in Erscheinung tretender Redner auf israelfeindlichen Versammlungen ist der Aktivist Ali C. Seit dem 7. Oktober 2023 agiert er spektrenübergreifend regelmäßig als Redner und Moderator auf Versammlungen in Berlin. Auf der Website der European Palestinians Conference (EPC; Konferenz der Palästinenser in Europa), die 2003 vom in London ansässigen Palestinian Return Centre (PRC) initiiert wurde, ist er als Mitglied des Verwaltungsrats für Deutschland aufgeführt. Beide Organisationen gelten als zentrale Propagandaplattformen der Hamas in Europa und werden in Verfassungsschutzberichten des Landes Berlin im Kontext von Hamas-Aktivitäten erwähnt. In Berlin trat er mehrfach als Sprecher für die Palästinensische Gemeinde in Deutschland e. V. (PGD) und für die mit dieser zusammenhängende Deutsche Jugend für Palästina (DJP) auf. Diese wird ebenfalls dem Netzwerk der Hamas zugeordnet. Schon 2017 trat C. auf einer Kundgebung zum 100. Gedenken an die Balfour-Deklaration an der Seite von Majed al-Zeer in Berlin auf.
Al-Zeer, der ab 2014 in Berlin-Neukölln lebte und zurzeit untergetaucht ist, ist nicht nur Mitbegründer des PRC, als dessen Vorsitzender er bis 2021 fungierte, er war 2003 auch Mitbegründer der EPC und bis 2020 deren Leiter. Das Innenministerium ordnet ihn als wichtigsten Verbindungsmann der Hamas in Deutschland und Europa ein und hat ihn zur Fahndung ausgeschrieben.
In einem Interview mit dem palästinensischen Blogger Abed Khattar aus dem Jahr 2021 wurde Ali C. als Generalkoordinator des neu gegründeten European Network for defending the Rights of Palestinian Refugees vorgestellt. Das Netzwerk hat seinen Sitz in Berlin und tritt offiziell für die Rechte palästinensischer Flüchtlinge ein. Tatsächlich handelte es sich jedoch nur um eine inoffizielle Facebook- Plattform, die offenbar als europäischer Ableger des PRC fungieren soll.
Ali C. tritt auch als Veranstalter, Anmelder und Moderator von Demonstrationen in Erscheinung. Seine Reden sind von einer ausgeprägten Israelfeindschaft und aggressiven Rhetorik geprägt und folgen einem Muster aus Anklage und Empörung, auf die zunächst eine moralische Selbstüberhöhung und dann eine Handlungsaufforderung folgen. Häufig enthalten seine Reden Holocaust-Relativierung und arbeiten mit einer Täter-Opfer-Umkehr. Am 11. Oktober 2025 erklärte er als Hauptredner auf einer Berliner Demonstration, der »bewaffnete Widerstand in all seinen Formen« – ein Euphemismus für Terror – sei legitim und vom Völkerrecht gedeckt. Seine Rede gipfelte in der Behauptung, die internationale Staatengemeinschaft sei verpflichtet, den »bewaffneten Kampf gegen Israel« zu unterstützen – ein indirekter Aufruf, sich hinter die Hamas und andere bewaffnete Gruppen zu stellen.
Eine Zusammenarbeit mit der türkisch-nationalistischen und islamistischen AGD lässt sich spätestens im Mai 2021 nachweisen, als C. einen Autokorso in Berlin im Namen des Verbands der palästinensischen und arabischen Vereine und Institutionen in Berlin und der AGD eröffnete. Die Tageszeitung der Millî-Görüş- Bewegung, Millî Gazete, erwähnt C. 2022 als Teilnehmer eines Fastenbrechens, das von der AGD Berlin unter Beisein des Millî-Gazete-Chefredakteurs, Mustafa Kurdaş, veranstaltet wurde. Wie eng Ali C. und die AGD tatsächlich zusammenstehen, zeigte sich auch im Winter 2024, als C. auf einer Versammlung von Ibrahim Ibrahim – maßgeblicher Aktivist der PFLP in Deutschland – am Wittenbergplatz seine Rede mit einem ordentlich um den Hals gelegten Schal der AGD hielt.
Handlungsempfehlungen
Um die zunehmnde Einflussnahme islamistischer Netzwerke wie die der AGD zu stoppen und sowohl die freiheitlich-demokratische Grundordnung als auch die Sicherheit von Jüdinnen und Juden zu schützen, sind vor allem nachhaltige Maßnahmen erforderlich.
Im Bildungsbereich sollten in weiterführenden Schulen und beruflichen Bildungsgängen bundesweit wirksame Unterrichtsmodule eingeführt werden, die sich mit Antisemitismus, allen Formen religiöser und ethnischer Diskriminierung sowie mit Islamismus befassen. Zudem sind flächendeckend glaubwürdige Präventionsprogramme mit muslimischen MultiplikatorInnen aufzubauen. Besonders wichtig ist es, Jugendliche gegen die gezielte Ansprache seitens ExtremistInnen auf TikTok, Instagram und Telegram zu wappnen. Dazu gehört eine frühzeitige und massive Stärkung von Medienkompetenzen.
Zur Vermeidung von Radikalisierungstendenzen sollten konfessionell oder ideologisch geprägte Kindergärten, Schulen und Freizeiteinrichtungen einem regelmäßigen Evaluationsverfahren unterzogen werden, damit der Einfluss extremistischer Verbände so weit wie möglich minimiert wird.
Nachhaltige Fortbildungen zu legalistischem Islamismus, codiertem Antisemitismus und zur Aufdeckung von Finanzströmen extremistisch ausgerichteter Vereine und Organisationen sind auch bei Exekutive, Judikative und anderen staatlichen Institutionen erforderlich, die tagtäglich mit diesen Problemlagen befasst sind. Empfehlenswert ist hier beispielsweise ein bundesweites Frühwarnsystem, in dessen Rahmen Polizei und Justiz durch speziell geschultes Personal fundierte Handlungsempfehlungen einholen können.
Fazit
Die Untersuchung zeigt, dass palästinasolidarische Proteste in Deutschland seit dem 7. Oktober 2023 zunehmend von einem hybriden Netzwerk getragen werden. Islamistische Organisationen wie die AGD, die radikale Ideologien ihrer türkischen Mutterorganisation mit linken Gruppen, zivilgesellschaftlichen Initiativen und Social-Media-Akteuren verknüpft, fungieren dabei als Schnittstelle. Diese Brückenfunktion ermöglicht es, islamistische Positionen in den öffentlichen Diskurs einzubringen, ohne dass die zugrunde liegenden Strukturen – bis hin zur offenen Vernetzung mit der Hamas – sichtbar werden. Besonders die Beteiligung internationalistischer, antiimperialistischer oder klimabewegter AkteurInnen leistet einen Beitrag zur Normalisierung islamistischer und antisemitischer Positionen, indem sie Netzwerken wie jenem um die AGD eine progressive, menschenrechtliche Fassade verleiht. Die Aufforderung zur Vernichtung Israels wird dabei als moralisch gerechtfertigte Kritik an inhumanen Zuständen umgedeutet. Problematisch ist auch die finanzielle Intransparenz: Über Organisationen wie die AGD AID werden Spenden gesammelt, deren tatsächliche Verwendung nicht nachvollziehbar ist, was das Risiko der Weiterleitung an Hamas-Strukturen birgt. Parallel dazu gelingt es Hamas-nahen Akteuren, ihre Rhetorik in diesen transnationalen Protestraum einzubringen. Offene Vernichtungsrhetorik gelangt über europäische Ableger, soziale Medien und gemeinsame Bühnen in den deutschen Kontext, wodurch Resonanzräume entstehen, in denen islamistische Strukturen und Narrative langfristig gestärkt werden.
Die transnationale Mobilisierung eines heterogenen Netzwerks und die gezielte Emotionalisierung des Konflikts verschärfen weltweit den Hass auf Israel: ein strategisches Ziel der Hamas, das in der internationalen Protestlandschaft bereits Wirkung zeigt. Antizionismus entwickelt sich immer deutlicher zu einem kulturell anschlussfähigen Code, der antisemitische Denkmuster legitimiert und normalisiert. Die Verbindung islamistischer Strukturen mit linken Bewegungen schafft einen Protestraum, in dem die Grenze zwischen legitimer Kritik und Hass verwischt wird und antisemitische Narrative Akzeptanz finden. Seit 2023 nutzt das Netzwerk um die AGD den Gazakonflikt als Mobilisierungskatalysator und Instrument, um ein israelfeindliches Bündnis langfristig zu verankern, wobei islamistische Gesellschaftsvorstellungen schrittweise normalisiert und gesellschaftlich verankert werden. Dabei wirken soziale Medien als Infrastruktur für Finanzierung, Radikalisierung und Antisemitismus-Export – eine Lücke, die nur durch technische und regulatorische Präzision geschlossen werden kann.
Durch intransparente Finanzstrukturen, diskursive Anpassungsfähigkeit und die Verknüpfung linker und religiöser Milieus entsteht ein erhebliches gesellschaftliches und sicherheitspolitisches Gefahrenpotenzial, das eine Herausforderung für Sicherheitsbehörden und die demokratische Kultur darstellt.
Projekt & Förderung
»MAAP – Monitoring und Analyse antisemitischer Protestdynamiken« ist ein Projekt von democ. Für inhaltliche Aussagen tragen allein die AutorInnen die Verantwortung. Gefördert wird das Projekt durch den Beauftragten der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages.
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