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10. Prozesstag Kurzbericht: Kontinuitäten der Shoa

Am zehnten Verhandlungstag wurden vier Zeug*innen gehört, die sich zum Zeitpunkt des Anschlags in der Synagoge befanden. Die Überlebenden schilderten in ihren Statements das einschneidende Erlebnis und die Folgen. Dabei wurde erneut deutliche Kritik am Umgang der deutschen Politik und Gesellschaft mit dem Problem des Antisemitismus laut.

Am 8. September 2020 fand der zehnte Verhandlungstag gegen den mutmaßlichen Attentäter von Halle statt. Es wurden vier Zeug*innen gehört, die sich zum Zeitpunkt des Anschlags in der Synagoge befanden. Die Überlebenden schilderten in ihren Statements das einschneidende Erlebnis und die Folgen. Sie erzählten, wie sie sich heute in Deutschland fühlen, was ihnen Angst macht und was ihnen Hoffnung für die Zukunft gibt. Dabei wurde erneut deutliche Kritik am Umgang der deutschen Politik und Gesellschaft mit dem Problem des Antisemitismus laut.

Als erste Zeugin sprach Rabbinerin Rebecca B., die zu Jom Kippur mit ihrer Familie nach Halle gereist war. In einem eindrücklichen Statement verdeutlichte sie die Notwendigkeit, die Bedeutung intergenerationaler Traumata zu bedenken, um die Tragweite des Attentats für die Nachfahren von Shoa-Überlebenden verstehen zu können. Damit das Gericht verstehen könne, was sie am 9. Oktober durchgemacht habe, sei es wichtig, mehr über die Geschichte ihrer Großeltern zu teilen: „My testimony today is about the reactivation of a deep family trauma”. Vor ihrer Aussage habe die Zeugin mit ihrer Großmutter telefoniert, um mit ihr über ihre Erinnerungen an die Shoa zu sprechen. Diese habe Auschwitz, Zwangsarbeit und Bergen-Belsen überlebt. Rebecca B. zitierte ihre Großmutter Olga, die an den Toren von Auschwitz durch Dr. Mengele von ihrer Mutter getrennt worden sei: „I was 16 years old and I was holding on to my mother. Dr. Mengele said that I needed to go to another line along with my sisters. My mother had a piece of bread under her arm and before we parted, she said ‘I want you to have this piece of bread‘. I remember Dr. Mengele hitting her over the head when she gave it to me and she fell on the floor. I wanted to turn back to help my mother, but they didn’t let me. And all these years I was feeling guilty that I couldn’t save my mother. It stayed with me for years and years and I never saw my mother again.” Ihre Großmutter habe sie bestärkt, so die Zeugin, ihre Geschichte zu teilen und keine Angst zu haben. „My grandmother never had the opportunity to testify before a german or even a international court. And today I have this chance.” Es sei wichtig, solche Details aus der Geschichte ihrer Großmutter zu kennen, um ihr eigenes Trauma zu verstehen. 

Anschließend erzählte Rebecca B., was ihr und ihrer Familie am 9. Oktober 2019 widerfahren sei. Ihre kleine Tochter sei kurz vor dem Anschlag von ihrer Babysitterin aus der Synagoge abgeholt worden, damit sie und ihr Mann, Rabbi Jeremy B., sich auf den Festtag konzentrieren konnten. Als dann der Attentäter versuchte, in die Synagoge einzudringen, habe sie die Babysitterin nicht gleich erreicht. Sie erinnere sich an die überwältigende Panik. Die Wiedervereinigung mit ihrer Tochter sei durch die polizeilichen Maßnahmen sehr erschwert und verzögert worden. “What I wanted was for someone to see that the synagogue had become a safe haven and to let my daughter in.” Aber sie habe sich niemandem deutlich machen können und sei so an diesem Tag ohne absehbares Ende von ihrer 15 Monate alten Tochter getrennt gewesen. “I have a normal mothers’ fear of being separated from my children. But I also have another thing which is the trauma that I inherited from my grandma of being separated from her mother at the gates of Auschwitz.” Damit sei diese ganze Situation, die durch den Angeklagten verursacht und durch das Vorgehen der Polizei aufrecht erhalten wurde, extrem traumatisch gewesen. Die Problematik intergenerationaler Traumata sei nicht auf sie persönlich beschränkt. Auch wenn es immer weniger Überlebende gebe, so würde deren Erinnerungen und Traumata sich auch heute in den Erfahrungen von ihren Kindern, Enkeln und Urenkel zeigen. “I need this court to know that even though the Shoa is over its effects have not passed. It’s not just a fact of history it is something that continues to be present with us today.”

“Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.” Mit diesem Zitat von Heinrich Heine begann die zweite Zeugin des Tages, Naomi H., ihre Aussage. Sie erklärte zunächst, dass sie sich dagegen entschieden habe, auf Deutsch auszusagen. “Testifying in English helps me to detach from the pain that my family has experienced throughout generations”. Sie komme aus einer Familie, die seit Jahrhunderten in Deutschland verwurzelt sei und sich auch nach dem Nationalsozialismus und der Shoa entschieden hätten, ihre Leben hier wieder aufzubauen. Sie sei mit dem Wissen um die Familie ihrer Geschichte aufgewachsen, aber auch mit Vertrauen in die deutsche Nation, dass sie ihre Lektion aus der Vergangenheit gelernt hätten. Doch dieses Vertrauen sei zunehmend geschwunden. Nach einigen unangenehmen Erfahrungen habe sie sich schließlich entschieden, langfristig nach Israel zu ziehen. Einzig wegen ihrer Rabbinatsausbildung sei sie noch einmal nach Deutschland zurückgekehrt. Der Gedanke, etwas zur Wiederbelebung des jüdischen Lebens in Deutschland beizutragen, sei damals in ihr gewachsen, ehe das Attentat geschah. “The course we are currently taking is deeply troublesome”. Sie kritisiert das mediale Narrativ der “guten Tür”, die sie angeblich alle gerettet habe. “It was not the door that saved us”. Der Angeklagte habe potentiell tödliche Splitterbomben über die Mauer geworfen – ihr komme es so vor als würde diese Tatsache ignoriert und stattdessen auf die Geschichte der “guten Tür” aus “guter deutscher Eiche” zurückgegriffen. “This need to find the one good german, who managed to save the life of jews – it does not belong here. Instead I would like to see german governmental structures and german society at large really rethinking what they are doing to protect their minorities and the most vulnerable members of their society.” Zudem kritisierte die Zeugin die Ermittlungen des BKA scharf. Die Ermittler hätten sich keine Imageboards angesehen, die Online-Spiele des Angeklagten nicht ausprobiert, sie hätten die Parallelen zwischen diesem und anderen Attentaten, etwa in Christchurch, El Paso oder München, ebenso wenig untersucht wie die Narrative, die das Fundament der Tat gebildet hätten.

“To most Germans, jewish life in Germany seems to be something that died out, that is part of the past”. Sie setze sich für ein lebendiges Judentum ein, das mit seiner Umgebung im Dialog steht, sagte Naomi H. Dafür würden es jedoch objektiv an Sicherheit und dem Sicherheitsgefühl mangeln. In einer Synagoge wolle sie sich wohl und zuhause fühlen: “I would like to ask everyone present in this room, if you would know that you need to equip your home with bulletproof doors and windows, how comfortable would you feel living in this place that you currently call your home.” Trotz allem bekundete die Zeugin ihren Willen, weiter an einer besser Zukunft und einer besseren Gesellschaft arbeiten, die auf Respekt und gegenseitiger Wertschätzung gegründet sind. “I’d like to continue my family’s legacy and build bridges where others build walls.”

Als dritter geladener Zeuge erschien Alexander R. Er ist seit 20 Jahren Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Halle. Dort habe er die Aufgabe, den Kantor auf der Bima beim Lesen der Thora zu unterstützen. Auch seine 21-jährige Tochter sei am 9. Oktober mit ihm in der Synagoge gewesen. Als der Attentäter versuchte, in die Synagoge einzudringen, habe er den bewaffneten und uniformierten Mann auf dem Überwachungsmonitor gesehen. Wie schon andere Zeugen vor ihm, gab auch Alexander R. an, dass die Synagogenbesucher nach dem Anschlag lange keine Informationen von der Polizei erhalten hätten. Auf die Frage nach dem fehlenden Polizeischutz der Synagoge erzählte der Zeuge, die Polizei sei sich sicher gewesen, dass nichts passiere und habe gesagt, das die Situation unter Kontrolle sei. Er finde aber, auch in Halle hätte – wie vor anderen Synagogen, die er kenne – Polizei zum Schutz vor Ort sein müssen, insbesondere an den Feiertagen.

Als letzter Zeuge an diesem Tag wurde Max Privorozki  gehört, der Geschäftsführer und Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle. Er wird zunächst zum damaligen Sicherheitskonzept befragt. Der Zeuge gibt an, dass er ein- bis zweimal im Jahr mit der Polizei diesbezüglich Kontakt gehabt habe. Die Polizei habe regelmäßig die Sicherheitslage geprüft und dementsprechend über Maßnahmen entschieden – die jüdische Gemeinde sei in diesen Prozess nicht eingebunden gewesen, man sei lediglich benachrichtigt worden. Nach dem Attentat auf den Breitscheidplatz hätte Angst in der Gemeinde heherrscht, sodass er die Polizei explizit um Unterstützung gebeten habe – diese sei ihm aber verwehrt worden. Man habe sich daran gewöhnt, dass es in Halle so läuft und würde sich seitdem selbst um das eigene Sicherheitskonzept kümmere. Nach dem Attentat gebe es nun mehr Sicherheitsmaßnahmen und Polizeischutz vor der Synagoge – das mache die Leute nervös, “aber so ist unser Leben”.

Max Privorozki schilderte anschließend die Ereignisse vom 9. Oktober aus seiner Sicht. Als er begriffen habe, dass es einen Anschlag auf die Synagoge gebe, habe er mit zitternden Händen die Polizei gerufen. Auch wenn es nur 10 Minuten gewesen seien, habe sich die Zeit des Wartens nach dem Anruf wie eine Ewigkeit angefühlt. Nachdem er die Polizei gerufen hatte, habe er als nächstes den Zentralrat der Juden in Deutschland informiert, damit die Information schnellstmöglich in allen jüdischen Organisationen bekannt werde. Man habe ja nicht gewusst, ob es sich vielleicht um eine organisierte Aktion handele, die in mehreren Städten abläuft.

Am Tag des Anschlags sei er die ganze Zeit aktiv gewesen, und habe mit Politikern und Medien in Kontakt gestanden. Da habe er noch keine Zeit gehabt, zu verarbeiten, was passiert war. Erst später habe er auch die psychischen Spätfolgen des Attentats gespürt, etwa als er in der Silversternacht sehr schlecht mit den lauten Geräuschen der Böller zurecht gekommen sei. Privorozki erzählte, wie wichtig für ihn die mannigfaltigen Solidaritätsbekundungen waren, die die Gemeinde nach dem Attentat von Juden und Nicht-Juden erreichten. Er fühle sich seit dem 9. Oktober wesentlich mehr in Deutschland zu Hause, weil er gesehen habe, dass die absolute Mehrheit der Menschen – egal wie unterschiedlich – geeint seien gegen Hass, gegen Mord und gegen Nazis. Das sei der Unterschied zwischen 2019 und 1938, als die Synagoge schon einmal von den Nazis angegriffen wurde. Er hoffe sehr, dass die jüdische Gemeinschaft, die Demokratie und die Freiheit unserer Gesellschaft weiter gute Chancen haben, solche Ereignisse zu überstehen.

Zum Schluss erklärte  Privorozki seine Motivation, auch als Nebenkläger am Prozess teilzunehmen. Er habe dafür zwei Gründe. Einer der Gründe sei, dass er hoffe, dass die Rolle der Eltern des Angeklagten im Rahmen des Prozesses noch stärker zum Thema gemacht werde. Er sei selbst Vater von zwei Töchtern. Er glaube ja, dass die Eltern nichts über den konkreten Tatplan und Zeitpunkt gewusst haben mögen. “Aber ich bin absolut überzeugt, dass es nicht möglich ist, dass die Eltern keine Ahnung hatten, dass ihr Sohn etwas vorbereitet”. Der Angeklagte habe zu Hause gewohnt und sei von seinen Eltern finanziell abhängig gewesen – er fragt, wie man da so eine Operation vorbereiten könne, ohne dass die Eltern sich Gedanken machen. Die zweite Motivation für den Nebenkläger sei gewesen, dass er verstehen wolle, wie es zum Umschlagen im Kopf des Attentäters gekommen ist, sodass dieser vom “normalen” Antisemiten zum Mörder wurde. “Wie kann jemand einen anderen Menschen ermorden, nur weil er anders ist als ich?”

Gegen Ende des Verhandlungstages wurden einige Lichtbildmappen mit Fotos aus den Wohnungen von Vater und Mutter des Angeklagten in Augenschein genommen. Darunter befanden sich auch Fotos von seiner Metallwerkstatt auf dem Grundstück des Vaters, in dem der Angeklagte mit den Waffen experimentiert haben will. Die Verhandlung wird am 9. September 2020 fortgesetzt.