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9. Prozesstag Kurzbericht: Betroffene sprechen von Langzeitfolgen

Am 2. September 2020 fand der neunte Prozesstag gegen den mutmaßlichen Attentäter von Halle statt. Wie bereits am Tag zuvor wurden Überlebende des Attentats befragt und gaben bewegende Statements ab. Neben drei Personen, die sich zum Tatzeitpunkt in der Synagoge befanden, wurden auch zwei Zeug*innen befragt, die dem Attentäter auf der Straße begegnet waren. Mehrfach riefen Nebenkläger*innen dazu auf, Antisemitismus “endlich ernst zu nehmen”.

Am 2. September 2020 fand der neunte Prozesstag gegen den mutmaßlichen Attentäter von Halle statt. Wie bereits am Tag zuvor wurden Überlebende des Attentats befragt und gaben bewegende Statements ab. Neben drei Personen, die sich zum Tatzeitpunkt in der Synagoge befanden, wurden auch zwei Zeug*innen befragt, die dem Attentäter auf der Straße begegnet waren. Mehrfach riefen Nebenkläger*innen dazu auf, Antisemitismus “endlich ernst zu nehmen”. Auch der fehlende Polizeischutz der Synagoge und der Umgang der Polizei mit den jüdischen Betroffenen unmittelbar nach der Tat stand abermals in der Kritik. Fast alle Zeug*innen berichteten von schwerwiegenden Langzeitfolgen des Attentats und den Auswirkungen der Traumatisierung – aber auch davon, wie sie Wege fanden, damit umzugehen.

Als erster Zeuge war Vladislav R., der Sicherheitsbeauftragte der Synagoge in Halle, geladen. Er erklärte, er habe auf dem Monitor, der die Bilder der Überwachungskamera zeigte, einen Mann in Militärkleidung und mit Waffe in der Hand gesehen. Um keine Panik auszulösen, sei er zum Vorsitzenden der Gemeinde gegangen und habe ihm leise gesagt, was er gesehen habe. Sie hätten dann die Polizei gerufen und versucht die Menschen in die Räumlichkeiten im zweiten Stock in Sicherheit zu bringen. Sie hätte dann die Türen abgeschlossen und mit Stühlen verbarrikadiert, während sie auf die Ankunft der Polizei warteten. Er berichtete, er habe in dem Moment keine Angst um sich gehabt, sondern um die anderen Menschen in der Synagoge, unter denen sich auch seine Mutter befand.

Die nächste Zeugin des Tages war Frau Agatha M., die mit der Gruppe nach Halle gekommen war, die Rabbiner Jeremy Borovitz und Rabbinerin Rebecca Blady organisiert hatten. Schon auf dem Weg zur Synagoge, erzählt die Zeugin, sei sie verwundert gewesen, weil dort keine Polizei vor Ort gewesen sei. Sie beschrieb ihre Erlebnisse am Tag der Tat und berichtete von der Panik und der Stresssituation in der Synagoge. Sie zeigte sich irritiert über den Vorgang der Evakuation, die nach einigen Stunden folgte. Die Überlebenden hätten Schilder mit ihren Namen sowie Nummern erhalten. Sie habe sich dabei gefühlt wie jemand der sich im Krieg befindet, weil sie “als Person mit einer Nummer versehen wurde”. Im Krankenhaus seien diese Nummern dann abgelesen und eingescannt worden. Für sie habe das eine sehr große Bedeutung gehabt, erklärte die Zeugin, weil sie “an die Zeit aus dem Zweiten Weltkrieg erinnert” worden sei.

Im Gegensatz dazu berichtete Agatha M., dass sie im Krankenhaus sehr herzlich empfangen wurden und dort gemeinsam beten, singen und tanzen konnten. Die Tatsache, dass sie als Gruppe und gemeinsam dort gewesen wären, habe ihr sehr viel Kraft gegeben. Sie erzählt, dass sie vor der Reise nur wenig Menschen aus der Gruppe gekannt habe, aber heute seien alle ihre Freunde. Sie richtete das Wort direkt in Richtung der Nebenklage: „Dank euch habe ich mich damals stärker gefühlt und fühle mich auch heute stärker.“

Zum Schluss ihres Statements sprach Agatha M. den gesellschaftlichen Hintergrund der Tat an. Sie sagte, das Leben werde mit Sicherheit nicht mehr das gleiche sein und sie hoffe, dass so wie sie durch dieses Ereignis gereift sei, auch nachfolgende Generationen und die Gesellschaft an Reife gewinnen werde. Sie frage sich immer wieder, ob es dafür wirklich notwendig gewesen sei, dass es zu einer solchen Tragödie kommen musste. „Möge die Gesellschaft sehen, dass Antisemitismus nach wie vor besteht! […] Hat meine Familie nicht tatsächlich genug gelitten während des Krieges? Muss ich hier tatsächlich hervorheben, dass ich am Leben bin dank meiner Großelterngeneration, die durch verschiedene Lager gehen mussten?“. Sie sagte, sie habe die erste Generation sein wollen, die in Freiheit leben kann. „Mein Herz läuft über vor Trauer, wenn ich sehe, dass Antisemitismus immer noch nicht beendet ist. […] Heute ist es notwendig zu sagen: ‘Stopp! Es reicht!’”.

Auch die dritte Zeugin war während des Anschlags in der Synagoge. Christina F. berichtete unter anderem von dem Moment, als klar wurde, dass die Lage ernst sei. Ein Freund sei plötzlich aufgesprungen und in den hinteren Teil der Synagoge gelaufen. Sie habe gedacht, „der stirbt jetzt nicht allein“, sei ihm hinterhergelaufen und hätte dann gemeinsam mit ihm die Türe verbarrikadiert. Als es dann eine erste Entwarnung gegeben habe, sei es ihr sehr wichtig gewesen, während sie auf die Evakuierung warteten, weiter zu beten. Das habe ihr sehr viel Stärke gegeben.
Den anschließenden Umgang der Polizei mit den traumatisierten Betroffenen kritisiert Christina F. scharf. Es habe sie gewundert, dass die Gruppe in einem ganz normalen Bus warten musste – ohne Sicherheitsglas oder Ähnlichem. Sie hätten immer noch keine Ahnung gehabt, was eigentlich passiert war. Vonseiten der Polizei hätte es keinerlei Kommunikation und Information gegeben.
Später im Krankenhaus habe sich die Polizei während ihrer Befragung unsensibel verhalten. Es sei ein Polizeibeamter aufgetaucht – der nicht als solcher zu erkennen gewesen sei, da er in Zivil war – und nur zu ihr gesagt habe „Na, wollen Sie jetzt?“. Sie habe sich extrem erschrocken und ihn gebeten zu sagen, wer er sei und was er von ihr wolle. Daraufhin sei der Beamte sehr genervt gewesen; ausgewiesen habe er sich auch nicht. Mit einem fremden Menschen die Cafeteria des Krankenhauses zu verlassen, sei „unglaublich angsterfüllend“ gewesen. Das Gespräch habe dann unangenehm begonnen. Auf die Frage nach ihrem Personalausweis habe sie erklärt, dass sie keinen bei sich habe, da sie an Jom Kippur nichts bei sich tragen dürfe. Er habe erwidert „Das ist aber komisch“, was sie mit „Das ist nicht komisch, das ist Judentum“ gekontert habe. Sie beschrieb ihren Eindruck, dass er genervt von ihr gewesen sei und sich nicht dafür interessiert habe, was sie zu sagen hatte. Sie habe eher den Eindruck gehabt, eine Belastung für ihn zu sein und er habe ihr kein Sicherheitsgefühl vermittelt. In ihrer Befragung führte die Zeugin noch weitere Interaktionen mit der Polizei an, die sie als sehr unangenehm empfunden habe – etwa dass der Rabbiner-Familie keine Unterkunft zur Verfügung gestellt wurde. Auch sie endete ihre Aussage mit einem Statement zum gesellschaftlichen und politischen Kontext der Tat: „Ich bin vor allem emotional erschöpft, weil ich unglaubliche Angst habe, dass wir schon wieder nicht gehört werden.“ Sie fühle sich in Deutschland nicht ernst genommen – das liege an der Inaktivität der Politiker*innen und an der Gesellschaft, die nicht sehe, dass Antisemitismus ein Problem sei. Sie sehe das Problem auch in dem laufenden Prozess, für den die Nebenkläger*innen nicht genug finanzielle Unterstützung erhalten würden und das Gericht unreflektiert die Sprache des Täters reproduziere.

Das Leben nach dem Anschlag ist für die Überlebenden nicht mehr wie vorher. Die heute gehörten jüdischen Zeug*innen zogen unterschiedliche Konsequenzen aus dem Erlebnis. Agatha M. betonte, dass das Attentat mit Sicherheit nicht ihrem Traum entgegenstehen werde, ihr Studium in diesem Land zu beenden und hier zu leben. Das Attentat werde sie mit Sicherheit nicht daran hindern, dass sie die Synagoge aufsuche oder von ihrem Glauben abweiche. „Ich kann sagen, dass mich dieses Erlebnis bestärkt hat in meinem Glauben. […] Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Gott sein Volk Israel nicht vergessen wird.“ Auch Christina F. sei nach dem Attentat am darauf folgenden Freitag (Schabbat) wieder in die Synagoge gegangen. In ihrer Synagoge in Paris, ihrem aktuellen Wohnort, habe sie Trost und Unterstützung gefunden. In Deutschland zu leben, könne sie sich nach den Erlebnissen des letzten Oktobers nicht mehr vorstellen. Das sei zu einem Teil dem Anschlag geschuldet, aber auch zu einem großen Teil der Polizei, die unsensibel mit den Traumatisierten umgegangen seien. Sie habe kein Vertrauen in deutsche Autoritäten und lebe hier in Angst. Sie sagte: „So kann kein Mensch leben. Eine Zukunft in Deutschland kann ich mir nicht vorstellen.“

Im Anschluss wurde die Zeugin Mandy R. befragt, die zufällig dem Attentäter auf der Straße über den Weg lief. Sie habe mit ansehen müssen, wie dieser Jana L. erschoss. Selbst habe sie fliehen und sich verstecken können. Sie erzählte, sie habe versucht, die Polizei anzurufen, wo jedoch besetzt gewesen sei. Ihr Mann habe sie schließlich abgeholt. Nach ihrer Aussage ergriff der Angeklagte das Wort und wollte sich bei Mandy R. entschuldigen – bereits am ersten Prozesstag hatte er immer wieder angeführt, dass er “keine Weißen” verletzten wollte. Mandy R. fand dafür deutliche Worte: „Freiheit ist das höchste Gut des Menschen. Ich bin frei und ich hoffe, dass dieser Mensch nie wieder einen Tag in Freiheit verbringt.“

Als letzter Zeuge sagte Stanislav G. aus. Er war mit dem Auto in der Nähe der Synagoge vorbeigefahren. Während der Fahrt sei ihm ein bewaffneter Mann in Uniform aufgefallen. Er habe sich zuerst gefragt, ob möglicherweise ein Film gedreht werden würde. Als er die am Boden liegende Frau L. sah, habe er angehalten, um Hilfe zu leisten. Als der Attentäter ihn bemerkte und die Waffe auf ihn richtete, sei er mit dem Auto geflohen. Wegen Ladehemmungen habe sich kein Schuss lösen können. Nach der Aussage des Zeugen sagte RA Hermann zu ihm: „Wir haben hier viel Schreckliches gehört. Und dass Sie den Mut hatten, in dieser Situation einem Menschen zu helfen, dafür haben Sie meine volle Anerkennung.“

Auch wenn die heutigen Zeugen alle überlebt haben und physisch unverletzt blieben, tragen sie doch alle Spuren des Attentats davon. Beinahe alle berichteten von massiver psychischer Belastung und Traumasymptomen. Ein Zeuge gab an, Schlafprobleme und häufige Kopfschmerzen zu haben. Auch seine 83-jährige Mutter habe das Erlebnis sehr schlecht verkraftet. Drei Zeug*innen gaben an, an einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zu leiden. Eine Betroffene erzählte, es sei lange schwierig gewesen, zuzulassen, dass dieses Attentat wirklich passiert sei. Sie sagte, „das Trauma ist sehr groß.“ Sie habe sehr unter den Folgen des einschneidenden Erlebnisses gelitten und sei lange nicht fähig gewesen in ihren Alltag zurückzukehren oder ein normales Leben zu führen.
Die Zeug*innen sprachen auch Wege an, die sie fanden, um mit dem Erlebten umzugehen. Freunde, Familie, ein Rabbiner, eine Pfarrerin, die Gemeinde oder die anderen Betroffenen – die Unterstützung durch diese Menschen habe den Überlebenden Kraft gegeben. Auch psychotherapeutische Behandlung, ärztliche Hilfe oder Sport habe einigen helfen können.