BildungNeue Handreichung: „Virtuelle Normalitäten – Israelbezogener Antisemitismus in digitalen Räumen. Hintergrundwissen und pädagogische Praxis“

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Eine neue democ-Handreichung soll pädagogische Fachkräfte im Umgang mit israelbezogenem Antisemitismus stärken und nimmt dabei digitale Räume als maßgeblichen Ort seiner Verbreitung in den Blick.

Download der Handreichung (PDF)

Ende Dezember 2025 dokumentiert die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS Bayern) eine Schmiererei auf einer Sitzbank in Augsburg: „Gäbe es Israel nicht, herrschte Frieden in Nahost!“. Gleich daneben steht „Gaza = KZ“. Eine verglichen mit Berichten von verbalen oder körperlichen Angriffen harmlos anmutende Meldung. Und doch ist sie vielsagend, erinnert sie doch daran, wie leichtfertig und vollen Ernstes ein solch abstruser Satz geäußert werden kann – und wie sehr man daran gewöhnt ist. Derweil solidarisiert sich die Jugendbewegung Fridays for Future München mit antisemitischen Gruppierungen wie Palästina Spricht München, die die Terroranschläge vom 7. Oktober auf Instagram verherrlichte. Eine israelfeindliche Haltung gehört vielerorts zum guten Ton.

80 % aller 2024 von RIAS Bayern erfassten Vorfälle sind dem Antisemitismus mit Bezug auf Israel zuzuordnen, der virulentesten Form der Judenfeindschaft heute. Die Soziologin Eva Illouz spricht vom tugendhaften Antisemitismus: „Dieser Antisemitismus erklärt sich nicht durch den Judenhass als solchen, sondern durch die Windungen, die er nimmt, damit der Hass auf die Israelis die Tugend selbst verkörpert.“

Unter sich als progressiv verstehenden antiisraelischen Aktivisten ist eine manichäische Zweiteilung der Welt verbreitet, in der Israel der Seite des weißen Westens, der Privilegien, der Macht, des Kolonialismus und des Kapitalismus zugeschlagen wird. Gerade in der Adoleszenz können solche vereinfachenden Welterklärungsmuster sinnstiftend und attraktiv wirken. Dass auch der rechtsextreme Hass auf Israel nicht aufgehört hat zu gedeihen, verdeutlicht wie vielschichtig israelfeindliche Ideologie wirkt. Der antisemitische Anschlag in Halle, die Gräuel des 7. Oktober, die Morde an Sarah Milgrim und Yaron Lischinsky vor dem jüdischen Museum in Washington und der Terroranschlag am Bondi Beach führen vor Augen, wie weit sie treiben kann.

democ beobachtet, dokumentiert und analysiert seit 2019 antidemokratische Bewegungen mit Fokus auf Rechtsextremismus, Antisemitismus und Islamismus. Mit kurzen Videos und Bildungsangeboten informieren wir über die Ergebnisse unserer Recherchen. Durch unser Online-Monitoring behalten wir einen Überblick über die sich ständig aktualisierenden antisemitischen Narrative und Symboliken. Dabei sehen wir, wie leichtfertig sich antisemitische Chiffren durch jugendkulturelle Referenzen, überwältigende Bildsprachen oder unterhaltsame Memes und Videos in Formen übersetzen lassen, die von jungen Menschen wie selbstverständlich angenommen werden.

Wird dem nicht entgegengewirkt, kann die ständige Präsenz antisemitischer Inhalte im digitalen Raum zur Normalisierung und Verfestigung antisemitischer Ressentiments führen und sich potenziell in eine politische Überzeugung übersetzen. RIAS dokumentierte 2024 bundesweit 284 antisemitische Vorfälle an Schulen – 2023 waren es 255, 2022 noch 86. Von einer hohen Dunkelziffer muss ausgegangen werden. Pädagog:innen stehen hier vor der Herausforderung, antisemitische Narrative zu erkennen, zu verstehen und ihnen zu begegnen. Häufig fehlt es vor allem an tieferen Kenntnissen aktueller Erscheinungsformen des Antisemitismus.

Es bedarf einer systematisch in der pädagogischen Aus- und Weiterbildung verankerten Vermittlung von Wissen über gegenwärtige Spielarten des Antisemitismus sowie von Logiken digitaler Plattformen. Wo die Sensibilität für die feinen Nuancen moderner Judenfeindlichkeit fehlt, wird Antisemitismus oft erst dann als solcher benannt, wenn er offen diskriminierend oder gar gewalttätig auftritt – während die subtilen Artikulationen unbemerkt bleiben.

Besonders deutlich wird das aus Perspektive jüdischer Schüler:innen. Im Gespräch berichtet Miriam Geldmacher, Schulleiterin des Helene Habermann Gymnasiums München, dass ihre Schüler:innen Kanäle und Freunde blockierten, die sich antiisraelisch oder antisemitisch äußerten, aber auch im Alltag unter sich blieben, „weil sie sich unentwegt für den Gaza-Krieg rechtfertigen sollen.“ Diese einschneidenden Auswirkungen auf die Lebensrealität jüdischer Schüler:innen sind nicht-jüdischen Pädagog:innen oft nicht bewusst. „Sehr viele Schulen vermeiden es, sich mit dem Thema zu befassen, weil sie die Auseinandersetzung scheuen. Die Stimmung auf den Schulhöfen ist ganz deutlich antiisraelisch. Das gilt für Gymnasien genau wie für Mittelschulen“, so Geldmacher.

Die vorliegende Handreichung soll pädagogische Fachkräfte dabei unterstützen, israelbezogenem Antisemitismus in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu erkennen und ihm wirksam zu begegnen. Sie nimmt dabei insbesondere digitale Räume als maßgebliche Orte seiner Verbreitung in den Blick. Die Beiträge diskutieren theoretische Hintergründe sowie konkrete Handlungsempfehlungen und Strategien.

Eröffnet wird die Handreichung durch einen Beitrag von Luise Henckel, der in die Geschichte und Theorie des Antisemitismus einführt. Im Anschluss rekapituliert und reflektiert Olaf Kistenmacher verschiedene Ansätze und Herausforderungen antisemitismuskritischer Bildung. Der Verein Cultures Interactive und Jahne Nicolaisen vom Mideast Freedom Forum Berlin berichten von ihren Erfahrungen mit Fortbildungsreihen für pädagogische Fachkräfte. Betrachtet werden außerdem zwei spezifische Phänomenbereiche: Constantin Winkler untersucht antiisraelischen Antisemitismus in Gaming-Räumen und Sebastian Leber geht dem Einfluss islamistischer Influencer:innen auf TikTok nach. Einen Einblick in die methodische Arbeit mit einem antisemitismuskritischen Onlinespiel geben Monika Hübscher, Sophie Schmalenberger und Nicolle Pfaff.

Den Abschluss der Handreichung bilden drei beispielhafte Unterrichtseinheiten, die israelbezogenen Antisemitismus auf sozialen Medien methodisch für den Unterricht oder Workshops aufbereiten. Angehängt ist außerdem ein umfangreicher Ressourcenteil, der weiterführende Materialien und wichtige Organisationen für die pädagogische Arbeit auflistet.

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