AktuellesEpstein-Files: Wie ein Missbrauchsfall zur Verbreitung von Antisemitismus, Islamismus und Frauenfeindlichkeit genutzt wird

Der Fall Jeffrey Epstein zählt zu den folgenreichsten Missbrauchskomplexen der Gegenwart. Offene Fragen und teils zurückgehaltene Informationen begünstigen Spekulationen und Vereinnahmungen. In arabischsprachigen Onlineräumen wird dies gezielt genutzt, um antisemitische Narrative zu reaktivieren und autoritäre, frauenfeindliche sowie antiwestliche Weltbilder zu verbreiten.

Online Report: Verschwörungserzählungen statt Aufklärung: Antisemitische und islamistische Reaktionen auf die Epstein-Files in arabischsprachigen Onlineräumen (PDF)

1. Einleitung

Die Bedeutung des Falles Jeffrey Epstein ergibt sich nicht allein aus dem Ausmaß sexualisierter Gewalt und den involvierten prominenten Kontaktpersonen, sondern auch aus den strafrechtlichen und politischen Dimensionen. Die Verbindung aus weitreichenden Missbrauchsnetzwerken und weiterhin teilweise unter Verschluss gehaltenen Informationen macht den Fall zu einem zentralen Bezugspunkt öffentlicher Debatten.

So dient der Fall auch zunehmend als Projektionsfläche für Verschwörungserzählungen. Besonders anschlussfähig sind solche Inhalte, weil sie an offene Fragen und berechtigte Kritik an Machtmissbrauch anknüpfen, diese jedoch in verschwörungsideologische Deutungsmuster überführen. Aus einem dokumentierten Missbrauchskomplex wird so die Erzählung einer geheim operierenden Elite, die ein System sexualisierter Gewalt, politischer Erpressung und globaler Kontrolle betreibe. In einigen Varianten dieser Erzählung wird diese vermeintliche Elite zudem explizit als jüdisch markiert. Die Tatsache, dass Epstein Jude war und über erheblichen politischen und finanziellen Einfluss verfügte, wird dabei als Ausgangspunkt genutzt, um jahrhundertealte antisemitische Verschwörungsmythen, etwa die Vorstellung einer jüdischen Weltordnung oder mittelalterliche Ritualmordlegenden, zu reaktivieren.

Der vorliegende Online Report untersucht, wie der Fall Epstein in arabischen und deutsch-arabischen Onlineräumen aufgegriffen, umgedeutet und für politisch sowie religiös aufgeladene Desinformation genutzt wird. Viele der beobachteten Inhalte folgen dabei bekannten Strategien: Belegte Fakten werden aus ihrem Kontext gelöst und mit unbelegten Behauptungen kombiniert, um sie für ideologische Agenden nutzbar zu machen. Bilder aus anderen Zusammenhängen wie künstlerischen Performances werden bewusst fehlinterpretiert und als vermeintliche Belege präsentiert. Hinzu kommen zunehmend KI-generierte Bilder und Videos, die bestehende Erzählmuster weiter zuspitzen und emotionalisieren.

Eine besondere Rolle spielen dabei Diskurse in arabischsprachigen Onlineräumen mit Deutschlandbezug. Gerade in diesem Kontext, wo reale Erfahrungen von Ausschluss, Diskriminierung oder institutionellem Versagen bestehen, können verschwörungsideologische Erzählungen besondere Resonanz entfalten.

Methodisch basiert die Analyse auf einem fortlaufenden Monitoring sozialer Medien mit besonderem Fokus auf TikTok. Ergänzend wurden die Plattformen Facebook, Instagram und YouTube einbezogen. Das Monitoring umfasste zunächst eine regelmäßige, explorative Sichtung arabischsprachiger Accounts und Beiträge zum Fall Epstein. Erfasst wurden wiederkehrende Narrative und Darstellungsformen, insbesondere dort, wo sie durch Bezüge zu antidemokratischen Diskursen, Antisemitismus, Verschwörungserzählungen oder Desinformation auffielen.

Es zeigte sich, dass bestimmte Inhalte in kurzen zeitlichen Abständen von unterschiedlichen Accounts aufgegriffen, variiert und weiterverbreitet wurden. Auf dieser Grundlage ließen sich wiederkehrende Muster identifizieren, die anschließend gezielter über Schlagwörter, Hashtags und ähnliche Formulierungen nachverfolgt werden konnten. Das Monitoring verband somit eine offene, explorative Beobachtung mit einer zunehmend fokussierten Suche nach wiederkehrenden Narrativen und digitalen Verbreitungswegen.

In den folgenden Kapiteln werden ausgewählte Beispiele, die repräsentativ für bestimmte Narrative und Darstellungsformen stehen, in einen breiteren ideologischen Kontext eingeordnet. Im Zentrum steht dabei nicht der Fall Epstein selbst, sondern die Frage, wie ein realer Missbrauchskomplex mit Desinformation verknüpft wird, die an bestehende antisemitische, islamistische und verschwörungsideologische Deutungsmuster anschließen. So wird nachvollziehbar, warum spezifische Narrative in bestimmten arabischsprachigen Onlineräumen Resonanz erzeugen und politisch Wirksamkeit entfalten können.

2. Antisemitische und islamistische Verschwörungserzählungen in arabischsprachigen Onlineräumen

Die in diesem Kapitel analysierten Inhalte folgen zwei zentralen Strategien. Erstens einer religiösen und symbolischen Aufladung: Motive aus islamischen und jüdischen Religionskontexten werden instrumentalisiert, um antisemitische Feindbilder zu transportieren und emotionale Empörung zu erzeugen. Exemplarisch dafür stehen Bezüge auf die antike Gottheit Baal sowie auf die Kiswa der Kaaba, die in Kapitel 2.1 untersucht werden. Zweitens zeigt sich eine Dekontextualisierung: Bildmaterial und Begriffe werden aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und zu vermeintlichen Belegen für geheime Rituale oder satanistische Netzwerke umgedeutet. Wie Kapitel 2.2 zeigt, betrifft dies insbesondere Inhalte aus der zeitgenössischen Kunst. Drittens wird der Fall Epstein in antiwestliche und islamistische Deutungsrahmen eingebettet. Der Fall Epstein wird genutzt, um westliche Gesellschaften als moralisch gescheitert darzustellen und die Scharia als überlegene Ordnung zu propagieren, wie Kapitel 2.3 anhand eines reichweitenstarken Beispiels zeigt.

Die Relevanz der Beispiele liegt weniger in eindeutig quantifizierbaren Reichweiten als in ihrer ideologischen Funktion. Sie übersetzen den Fall Epstein in ein verschwörungsideologisches Weltbild, in dem westliche Gesellschaften, jüdische Akteure, staatliche Institutionen und säkulare Werteordnungen als moralisch korrupt, gefährlich oder mitschuldig markiert werden.

2.1 Religiöse Motive: Die Gottheit Baal und das Tuch der Kaaba

In mehreren Beiträgen wurde der Fall Epstein mit Verweisen auf die antike Gottheit Baal und satanistische Symbolik verknüpft. So kursierte unter anderem auf X ein Beitrag, der behauptete, ein Bankdokument aus den Epstein-Files führe ein Konto mit dem Namen „Baal“ auf. (BRICS News (@BRICSinfo), X, 1. Februar 2026) Dabei handelt es sich höchstwahrscheinlich um einen Eingabe- oder Lesefehler bei der automatischen Texterkennung (OCR). Tatsächlich finden sich in der Gesamtheit der veröffentlichten Epstein-Files keine Hinweise auf satanistische Rituale, Baal-Verehrung oder rituelle Opfer. (Vgl. „The Epstein Files Are Being Used to Spread Antisemitism. Here’s What’s Actually in Them“, Nexus)

Wie weit verbreitet die Verknüpfung von Baal-Symbolik und Epstein-Narrativen ist, zeigte sich außerdem anlässlich des 47. Jahrestags der Islamischen Revolution im Iran, bei dem in verschiedenen Städten Baal-Figuren symbolisch zerstört wurden. (Vgl. „Why were ‘Baal’ statues burned at Iran’s revolution anniversary rallies?“, Iran International, 12. Februar 2026) Ein auf YouTube verbreitetes Video aus Teheran dokumentierte die Verbrennung einer solchen Figur, die mit der Zahl 666, einem umgekehrten Pentagramm, einem Davidstern, der israelischen Flagge sowie Bildern von Donald Trump und Jeffrey Epstein versehen war. („Iran auf Arabisch“, YouTube, 11. Februar 2026)

Der Name Baal wurde dabei aus seinem historischen und religionsgeschichtlichen Kontext gelöst: In der hebräischen Bibel gilt er als Rivale Jahwes und Symbol des Götzendienstes, in späteren religiösen Überlieferungen als Inbegriff der Abkehr vom Monotheismus. Diese Bedeutungsebenen werden in verschwörungsideologischen Deutungen selektiv aufgegriffen und in moderne Feindbildkonstruktionen überführt: So steht Baal in der iranischen Staatserzählung für Gottlosigkeit und die Korruption der Eliten. Die Platzierung des Davidsterns in diesem Kontext stellt Israel als „heidnische” Macht dar. In Verbindung mit den Bildern von Epstein und Trump verweist die Darstellung auf das Narrativ eines korrumpierten westlichen Systems, das mit einer „zionistischen Ideologie“ verknüpft wird.

Inszenierungen wie die Verbrennungen der Baal-Figuren funktionieren folglich besonders über symbolische Verdichtung. Der Fall Epstein wird in bestehende antisemitische Verschwörungserzählungen integriert, in denen der Staat Israel oder eine angebliche „satanistische Weltregierung" als Chiffren für die Vorstellung einer jüdisch gesteuerten Weltordnung fungieren. Verschwörungserzählungen folgen dabei einer spiralförmigen Logik: Auch wenn sie sich thematisch immer weiter ausdehnen, kehren sie stets zu denselben Feindbildern zurück – ihre antisemitische Grundstruktur bleibt erkennbar.

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Quelle: TikTok / issam_abi

Besonders starke Reaktionen auf arabischsprachigen Social-Media-Accounts lösten Gerüchte über Korrespondenzen aus, in denen vom Versand von Teilen der Kaaba-Umhüllung an Epstein die Rede gewesen sein soll. Die Kaaba im Innenhof der al-Haram-Moschee in Mekka ist als „Haus Gottes“ das zentrale Heiligtum des Islams. Sie wird von einem schwarzen Stofftuch, der Kiswah, umhüllt, das jährlich erneuert wird. Bereits die Behauptung, ein Teil dieser Umhüllung könne in den Besitz Epsteins gelangt sein, berührte daher einen religiös hochsensiblen Bezugspunkt. In verschwörungsideologischen Deutungen wurde diese Empörung jedoch weiter zugespitzt: Die verfügbaren Informationen wurden dabei nicht nüchtern geprüft, sondern mit rituellen, politischen und religiösen Bedeutungen aufgeladen, die weit über das Belegbare hinausgingen.

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Quelle: TikTok / aboodcomedy13, Übersetzung: „Warum haben sie das Tuch der Kaaba benutzt?“
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Quelle: TikTok / fanmetao; Original: TikTok / researcherofmetaphysics, Übersetzung: „Warum befindet sich das Tuch der Kaaba auf Epstein Island?“

So behauptete etwa der ägyptische Influencer Mahmoud Salah, der für kontroverse Interviews bekannt ist und wiederholt verschwörungsideologische Inhalte verbreitet, Jeffrey Epstein habe die Kiswa der Kaaba gekauft, um sie in magischen Ritualen zu entweihen, angeblich, um den Teufel zufriedenzustellen.

Diese Erzählung verbindet mehrere zentrale Elemente verschwörungsideologischer Mobilisierung: die Sakralisierung des Konflikts, die Dämonisierung westlicher Eliten und die emotionale Aktivierung religiöser Empörung. Der Fall Epstein wird dabei nicht als konkreter Fall sexualisierter Gewalt verhandelt, sondern in ein apokalyptisch-religiöses Deutungsmuster überführt, in dem westliche Machtzirkel als satanisch, antimuslimisch und moralisch verdorben erscheinen.

Der Account „fobustiktok“ stellt eine vermeintliche Verbindung zwischen der Kaaba, dem Planeten Saturn, jüdischen Tefillin sowie verschiedenen Gebäuden weltweit her. Die Argumentation folgt dabei einem typischen Muster verschwörungsideologischer Sinnproduktion: Unterschiedliche Symbole, religiöse Praktiken und architektonische Formen werden aus ihrem jeweiligen Kontext gelöst und über äußerliche Ähnlichkeiten miteinander verknüpft. Auf diese Weise entstehen suggestive Zusammenhänge, die keine belastbare Grundlage haben, aber Zweifel säen und den Eindruck eines verborgenen Zusammenhangs erzeugen sollen. Der Beitrag verknüpft die Erwähnung der Kiswa der Kaaba in den Epstein-Files mit der Form eines Trump-Gebäudes und den Tefillin. Als vermeintlich verbindendes Element präsentiert der Account schließlich den Planeten Saturn. Die einzelnen Motive werden dabei nicht argumentativ hergeleitet, sondern assoziativ aneinandergereiht. Auf diese Weise werden religiöse Symbolik, antisemitische Chiffren und Epstein-bezogene Verschwörungserzählungen miteinander verschränkt.

2.2 Dekontextualisierung künstlerischer Inhalte

Eine weitere zentrale Strategie digitaler Desinformation besteht in der Verschiebung und Umdeutung von Kontexten. Beispielsweise wird Bildmaterial aus Kunst- und Performancezusammenhängen aus seinem ursprünglichen Rahmen gelöst und als vermeintlicher Beleg für geheime Rituale auf der sogenannten Epstein-Insel verbreitet.

Eine prominente Person, die im arabischsprachigen Raum immer wieder mit Jeffrey Epstein in Verbindung gebracht wird, ist die Künstlerin Marina Abramović. So behauptet der Account „MahmoudAlajil“ in einem Beitrag, Abramović sei bei einem Akt des „Menschenfleischessens“ fotografiert worden. Tatsächlich zeigt das verbreitete Bild Abramović bei einer Kunstperformance der Künstlerin Lisa Lozano aus dem Jahr 2013. In ihrem Werk „Funérailles de Miel“ beziehungsweise „Funerals of Honey“ arbeitete Lozano mit Honig und Melasse, nicht mit Fleisch. Die Bilder stehen somit in keinem Zusammenhang mit Jeffrey Epstein. In sozialen Medien werden sie dennoch als vermeintliche Beweise für okkulte oder satanistische Praktiken in seinem Umfeld herangezogen.

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Quelle: TikTok / العجيل محمود l MahmoudAlajil, Übersetzung: „Eilmeldung“

Auch der Account „ahmedmadany91“ veröffentlichte ein Bild von Abramović, das sie während ihrer Performance „Balkan Baroque“ aus dem Jahr 1997 zeigt. In dieser Arbeit setzt sich die Künstlerin mit den Folgen des Balkankrieges, Gewalt und kollektiver Erinnerung auseinander. Die Bildunterschrift verschob den ursprünglichen Kontext jedoch grundlegend: Abramović wurde darin als „Chefköchin der Elite und ihrer Anhänger auf der Insel“ bezeichnet, die für „die Zubereitung von Menschen (Kindern oder Erwachsenen) zuständig“ sei. So wird eine künstlerische Arbeit in eine verschwörungsideologische Erzählung über rituelle Gewalt, Kannibalismus und angebliche Elitennetzwerke überführt.

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Quelle: Instagram / ahmedmadany91, Übersetzung: „Marina Ibrahimovic, die Chefköchin der Elite und ihrer Anhänger auf der Insel, ist für die Zubereitung von Menschen (Kindern oder Erwachsenen) zuständig.“

In diesem Zusammenhang gewann auch der Begriff „Spirit Cooking“ an Bedeutung. Tatsächlich handelt es sich dabei um den Titel einer künstlerischen Arbeit von Abramović aus dem Jahr 1996, in der sie poetisch-surrealistische Rezepte entwirft und sich mit dem Einfluss von Ritualen, Religion und performativer Symbolik auseinandersetzt. (RAM radioartemobile and Zerynthia, YouTube, 10. März 2009) In verschwörungsideologischen Milieus wurde der Begriff jedoch aus dem Kontext gerissen und Abramovićs künstlerische Auseinandersetzung mit Ritualen umgedeutet zu einem Beleg satanistischer Praktiken. (Bereits im Jahr 2016 war die Verschwörungszählung „Pizzagate“ im Umlauf. Teile der Alt-Right-Bewegung warfen Hillary Clinton vor, an satanistischen Ritualen teilgenommen und „Spirit Cooking“ betrieben zu haben)

Erzählungen über Kannibalismus, rituelle Gewalt und die Entführung oder Ausbeutung von Kindern knüpfen an ältere antisemitische Muster an, insbesondere an die Ritualmordlegende. Diese jahrhundertealte Erzählung behauptet, Jüdinnen und Juden würden Kinder für religiöse Rituale entführen, misshandeln oder töten. Sie diente historisch immer wieder zur Legitimation antisemitischer Gewalt und wirkt in veränderter Form bis heute fort, etwa in modernen Narrativen, die Jüdinnen und Juden oder Israel mit Kindesentführungen, Blutkonsum oder geheimen Eliten in Verbindung bringen.

2.3 Der Westen als moralisch gescheiterte Ordnung

Arabischsprachige Akteure greifen die Epstein-Files als vermeintlichen Beleg für den moralischen Verfall westlicher Gesellschaften auf. Ein Beispiel für diese Rahmung ist der jordanische islamistische Prediger Eyad Qunaibi, der stark anti-säkulare Positionen vertritt. In seinen Aussagen nutzt er den Fall Epstein, um die These zu stützen, westliche Gesellschaften hätten durch Säkularismus, Liberalismus und individuelle Freiheitsrechte ihre moralische Grundlage verloren. Demgegenüber wird die Scharia als einzige Ordnung präsentiert, die die menschliche Natur, Familie und moralische Grundwerte schützen würde. In diesem Deutungsrahmen erscheint der Fall Epstein nicht als Ausdruck konkreter Täterstrukturen, sozialer Machtverhältnisse oder institutionellen Versagens, sondern als Symptom einer grundsätzlich verdorbenen säkularen Ordnung.

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Quelle: Facebook / Eyad Qunaibi

Zum Zeitpunkt der Dokumentation am 02.02.2026 wies ein Facebook-Beitrag von Qunaibi rund 2 Mio. Aufrufe, 88.584 Reaktionen, 3.810 Kommentare und 25.751 Weiterleitungen auf. Die hohe Reichweite und Rezeptionsdynamik zeigen, dass dieses Deutungsangebot in islamistisch geprägten Onlineräumen auf erhebliche Aufmerksamkeit und Resonanz stieß: Der Fall Epstein wird nicht als Einzelphänomen verhandelt, sondern als Beweisstück in einem übergeordneten ideologischen Argument, das die Delegitimierung westlicher Gesellschaftsordnungen und die Aufwertung islamistischer Normvorstellungen zum Ziel hat.

2.4 Die Insel Sazan

Der Fall der albanischen Insel Sazan veranschaulicht beispielhaft, wie die Entstehung und Verbreitung moderner Verschwörungserzählungen funktioniert. Ausgangspunkt der Erzählung ist ein Luxus-Tourismusprojekt, das mit Jared Kushner und Ivanka Trump in Verbindung steht und in Albanien aktuell Massenproteste wegen ökologischer Bedenken, ungeklärter Eigentumsfragen und mangelnder politischer Transparenz ausgelöst hat. In verschwörungsideologischen Deutungen wird dieser lokale Konflikt um Tourismus, Eigentum und Naturschutz jedoch umgedeutet. So wurde die Behauptung einer „neuen Epstein-Insel“ konstruiert, wie sie unter anderem der Account „ramikaddah2“ verbreitet. Zugleich wurde das Projekt als vermeintlicher Beleg für den Verkauf albanischen Landes an Israel und für ein jüdisch-zionistisches Einflussnetzwerk gedeutet. Dieses Beispiel zeigt, mit welcher Geschwindigkeit solche Behauptungen konstruiert und in sozialen Medien verbreitet werden. Entscheidend ist nicht, welche belegbaren Zusammenhänge existieren, sondern welche bekannten Chiffren sich verknüpfen lassen. „Insel“, „Elite“, „Rothschild“, „Israel“ und „Epstein“ bilden ein assoziatives Netzwerk, in dem jede neue Nachricht als weiteres Puzzleteil einer bereits vorausgesetzten Weltverschwörung gelesen werden kann. Der Fall Epstein wird so zur Schablone, mit der Nachrichten verschwörungsideologisch umgedeutet werden. Die dabei entstehenden Narrative können an antisemitische Verschwörungsmuster anschließen und werden häufig mit antiisraelischen Narrativen verknüpft.

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Quelle: TikTok / ramikaddah2, Übersetzung: „Die neue Epstein-Insel wird derzeit in Albanien errichtet.“

3. Verschwörungserzählungen in arabischsprachigen Onlineräumen mit Deutschlandbezug

Eine besondere Dynamik zeigt sich in arabischsprachigen Online-Diskursen zum Fall Epstein, die einen Deutschlandbezug aufweisen. Hier treffen Desinformation und deren Verbreitung - ob bewusst oder unbewusst - auf lokale Erfahrungen von Krieg, Flucht, Migration und Asylsystem. Viele Menschen, die aus autoritär regierten Staaten nach Deutschland gekommen sind, haben Verfolgung durch Geheimdienste, willkürliche Verwaltung, politische Gewalt oder staatliche Überwachung erlebt. Vor diesem Hintergrund kann Misstrauen gegenüber Institutionen nachvollziehbar sein. Zugleich entsteht ein Resonanzraum, in dem verschwörungsideologische Narrative besonders anschlussfähig werden, etwa wenn digitale Akteure den Fall Epstein mit konkreten Alltagsängsten verbinden.

3.1 Delegitimierung staatlicher Institutionen

Ein weiteres Beispiel ist die verschwörungsideologische Delegitimierung des Jugendamts. Dabei wird die Inobhutnahme von Kindern als Teil einer systematischen „Belieferung“ der sogenannten Epstein-Insel dargestellt. Damit wird eine staatliche Institution in eine Verschwörungserzählung über Kinderhandel, Missbrauch und geheime Netzwerke eingebettet. Diese Erzählung richtet sich nicht nur gegen das Jugendamt als einzelne Behörde, sondern delegitimiert staatliche Institutionen und die deutsche Gesellschaft insgesamt. Deutschland erscheint darin nicht mehr als Rechtsstaat mit einem Schutzauftrag gegenüber Kindern, sondern als feindliches und moralisch korrumpiertes System.

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Quelle: TikTok / aboodbreakdown, Übersetzung: „Kindesentführungen in Europa: Deutschland und Schweden... Die Wahrheit!“
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Quelle: TikTok / aboodbreakdown

Der Account „aboodbreakdown“ verbreitet in einem Video die unbelegte Behauptung: „Kindesentführung in Europa, Deutschland und Schweden – das ist wahr!“ In einem anderen Video stellt er Jugendämter als Institutionen dar, die muslimische Kinder entführen und zur Adoption freigeben würden, unter anderem an Personen, die er abwertend als „Community der Farben“ oder „Drogenabhängige“ bezeichnet. Mit der Formulierung „Community der Farben“ ist in diesem Kontext offenbar die queere Community gemeint. Solche Inhalte untergraben das Vertrauen in Institutionen, die dem Schutz von Kindern dienen, und können Familien in Angst, Isolation und Rückzug treiben. Auch Kindertagesstätten werden in diese Hassrede einbezogen und pauschal als gefährliche Orte dargestellt.

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Quelle: TikTok / aboodcomedy13, Auf einen kritischen Kommentar antwortet er: „Es ist ganz normal, dass du nicht die Wahrheit sagst, wenn du im Kindergarten arbeitest. Du hast Papiere unterschrieben, die dir verbieten, die Wahrheit zu sagen."

Der Account „aboodcomedy13“ behauptet etwa, Deutschland habe ein neues Gesetz verabschiedet, das eine Frühsexualisierung von Kindern in Kindergärten vorantreibe. Zugleich warnt er Menschen mit Migrationshintergrund mit der Aussage: „Deutschland ist nicht mehr das Richtige für euch!!!“ Der Account referiert mit dem Begriff „Insel-Skandal“ direkt auf den Fall Epstein und behauptet, es sei nun deutlich geworden, „wohin sie die Menschen führen wollen“. Die Erzählung mündet schließlich in die Behauptung, die Gesellschaft bereite die Ankunft des Daddschāl, also des Antichristen, vor. Der Beitrag erreichte über 100.000 Aufrufe und verzeichnete über 2.000 Weiterleitungen.

3.2 Strukturelle Gewalt und Männlichkeitsbilder

In arabischsprachigen Online-Diskursen mit Deutschlandbezug wird der Fall Epstein auch geschlechtsspezifisch instrumentalisiert. Männer werfen in den sozialen Medien ehemaligen Partnerinnen vor, ihre Kinder über staatliche Institutionen an die sogenannte Epstein-Insel „verloren“ zu haben. Verschwörungserzählungen dienen hier dazu, Frauen, insbesondere geschiedene oder getrennt lebende Frauen, moralisch abzuwerten und ihre rechtlichen Ansprüche zu delegitimieren. Der Account „ahmad.alhiji45“ etwa instrumentalisiert die Epstein-Enthüllungen für einen misogynen Diskurs: Geschiedene Frauen werden pauschal für eine angebliche Gefährdung von Kindern verantwortlich gemacht, indem ein konstruierter Zusammenhang zwischen Scheidung, Vernachlässigung und dem Missbrauchsnetzwerk rund um Epstein hergestellt wird. Dies wird eingebettet in eine Erzählung vom moralischen Verfall Europas, in der Frauen- und Kinderrechte als nicht mehr existent dargestellt werden. Damit wird die Verschwörungserzählung zu einem Instrument geschlechtsspezifischer digitaler Gewalt und stabilisiert autoritäre, patriarchale Männlichkeitsbilder.

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Quelle: TikTok / ahmad.alhiji45, Übersetzung: „Ein Brief ausschließlich gerichtet an die geschiedenen Frauen Europas +18“
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Quelle: TikTok / ahmad.alhiji45, Übersetzung: „Sind die geschiedenen Frauen in Europa nun davon überzeugt, dass es von nun an in Europa keine Kinder- und Frauenrechte mehr gibt, insbesondere nach dem Epstein Insel-Skandal?“

3.3 Vermisstenfälle und Panikrhetorik

Ein weiterer wiederkehrender Baustein ist die verschwörungsideologische Umdeutung von Vermisstenmeldungen. Diese werden mit emotionalisierender Bildsprache, suggestiven Fragen sowie Andeutungen über Entführung, Organhandel oder sexualisierte Gewalt verbunden. Auch wenn die sogenannte Epstein-Insel in manchen Videos nicht ausdrücklich erwähnt wird, stellen Nutzer in den Kommentaren entsprechende Verbindungen her. Zusätzlich werden Begriffe wie „Ersatzteile“ beziehungsweise „qaṭaʿ ġiyār“ aufgegriffen, eine umgangssprachliche syrische Bezeichnung für Organhandel. Damit wird ein weiteres verschwörungsideologisches Motiv aktiviert. Reale oder behauptete Vermisstenfälle werden in eine Erzählung über organisierte, geheim gehaltene oder rituell aufgeladene Gewalt gegen Kinder eingebettet.

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Quelle: TikTok / zikozeko7824, Übersetzung der Caption: „Vermisste Kinder in Deutschland.“, Übersetzung der Kommentare: „Auch auf der Insel Epstein in Deutschland (...).“; „Es scheint eine Insel namens Epstein zu geben, die deutsche Abteilung.“

Solche Beiträge arbeiten mit Panikrhetorik. Sie erzeugen den Eindruck, Kinder seien in Deutschland systematisch bedroht, staatliche Institutionen seien entweder beteiligt oder untätig, und nur alternative digitale Öffentlichkeiten würden die Wahrheit aussprechen. Die Folge ist eine Verschiebung der Wahrnehmung: Statt konkrete Fälle, Zuständigkeiten und Hilfsangebote zu prüfen, wird ein umfassendes Bedrohungsszenario konstruiert.

Besonders wirkmächtig sind in diesem Zusammenhang visuelle Inhalte. Ein verbreitetes Bild, vermutlich mithilfe von KI generiert oder bearbeitet, zeigt emotional aufgeladene Elemente: Abenddämmerung, traurige Frauen und ein Militärfahrzeug mit israelischer Flagge. Der begleitende Text behauptet die Entführung von Kindern in Quneitra durch die „blaue Entität“ - eine Chiffre für den jüdischen Staat Israel, der dabei nicht direkt benannt wird. Diese Darstellung ist klar antisemitisch, weil sie Israel über die Assoziation mit Kindesentführung, Ausbeutung und satanistischen Gewaltfantasien dämonisiert und als illegitimen und verbrecherischen Akteur markiert.

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Quelle: Facebook / Mostafa die Wahrheit, Übersetzung des Bildtitels: „Entführung von acht Kindern in Al-Quneitra durch die blaue Entität.“, Übersetzung (Ausschnitt) der Caption: „Ist es denkbar, dass sie auf die Epstein-Insel verschleppt werden?“

Der Beitrag des Accounts „Mostafa die Wahrheit“ stellt zudem eine Verbindung zur angeblichen Deportation von Kindern auf die Epstein-Insel her. Auch hier zeigt sich, wie tradierte antisemitische Narrative wie die Ritualmordlegende über die Verknüpfung mit dem Epstein-Fall aktualisiert werden.

4. Reichweiten und Reaktionen

Die beobachteten Inhalte wurden nicht nur von Einzelaccounts mit geringer Reichweite verbreitet, sondern zirkulierten auch über Profile mit teils erheblichen Followerzahlen. Das Spektrum reicht von kleineren und mittleren Accounts mit etwa 30.000 Follower*innen über größere Accounts mit rund 180.000 bis 270.000 Follower*innen bis hin zu Accounts mit über einer Million Follower*innen. Einzelne Inhalte erreichen dabei hohe Interaktionswerte; in manchen Fällen liegen die Aufrufzahlen im sechsstelligen Bereich oder haben bis zu etwa eine Million Aufrufe erreicht. Die Reaktionen in den Kommentarspalten verdeutlichen die Relevanz der hier untersuchten Inhalte: Sie bleiben nicht auf einzelne Posts beschränkt, sondern schüren Ängste und eröffnen Anschlussmöglichkeiten für weitere verschwörungsideologische Narrative. Besonders auffällig ist, dass die Reaktionen stark emotionalisiert sind und zentrale gesellschaftliche Themen wie Kinder, Familie, Migration, Sicherheit und das Leben in Deutschland aufgreifen. Dominant sind zustimmende Reaktionen, in denen Nutzer*innen die verbreiteten Behauptungen als reale Bedrohung deuten und emotional oder religiös bestätigen, etwa durch Formulierungen wie „möge Gott uns beschützen". Besonders folgenreich sind Angst- und Rückzugsreaktionen: In einzelnen Kommentaren wird der Wunsch geäußert, Deutschland zu verlassen oder nach Syrien zurückzukehren, weil das Leben hier als gefährlich für Kinder dargestellt wird. Solche Reaktionen verdeutlichen, wie die Beiträge Unsicherheit verstärken und Misstrauen gegenüber deutschen Institutionen fördern können. Zwar existiert auch skeptische Gegenrede, sie bleibt jedoch punktuell und muss sich gegen stark emotionalisierte Erzählungen behaupten.

5. Fazit

Der Fall Epstein wird in arabischsprachigen Onlineräumen zur Verbreitung von Verschwörungsnarrativen instrumentalisiert. Im Vordergrund steht dabei nicht die Aufklärung über das Leid der Betroffenen oder eine Sensibilisierung für sexualisierte Gewalt, sondern die Erzeugung von Misstrauen gegenüber Institutionen, die Reaktivierung antisemitischer Narrative und die Rechtfertigung autoritärer, frauenfeindlicher oder antiwestlicher Weltbilder. Fakten werden mit religiösen Motiven, aus dem Kontext gelösten Bildern und politischen Feindbildern verknüpft und zu Verschwörungsnarrativen verdichtet. Unterschiedliche Ereignisse erscheinen darin nicht mehr als einzelne, überprüfbare Vorgänge, sondern als vermeintliche Hinweise auf ein verborgenes System. Islamistische Akteure greifen diese Deutungen auf: So wird der Fall Epstein als Beleg für einen moralischen Verfall und strukturelle Gewalttätigkeit westlicher und säkularer Gesellschaften inszeniert. Besonders hervorzuheben ist die Wiederkehr antisemitischer Deutungsmuster: Narrative über eine geheime jüdische Weltordnung, Kinderhandel und rituelle Gewalt greifen jahrhundertealte Verschwörungsnarrative auf und übertragen sie in digitale Gegenwartskontexte.

In arabischsprachigen Onlineräumen mit Deutschlandbezug verbinden sich diese Narrative mit lokalen Unsicherheiten rund um Jugendämter, Sorgerecht und Migration sowie mit einem verbreiteten Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen. Emotionale Aufladung und Panikrhetorik verstärken dabei die Anschlussfähigkeit solcher Inhalte. Zugleich wird das Narrativ vom moralischen Verfall Europas für eine misogyne Agenda instrumentalisiert: als Grundlage für digitale Gewalt, Einschüchterung und geschlechtsspezifische Angriffe. Eine wirksame Gegenmaßnahme erfordert daher mehr als einzelne Faktenchecks. Notwendig ist eine mehrsprachige, kontextsensible Analyse, die irreführende und manipulative Inhalte als Zusammenspiel von Bildstrategien, Plattformlogiken und ideologischen Rahmungen begreift.

Das Projekt al-Rased reagiert auf die Verbreitung antisemitischer, antidemokratischer und anderer menschenfeindlicher arabischsprachiger Inhalte auf Kurzvideo-Plattformen. Es verbindet Online-Monitoring, zweisprachige Kurzvideos, Workshops und Handreichungen, um junge arabischsprachige Menschen in Berlin anzusprechen und Multiplikator*innen praxisnahes Wissen zu vermitteln. Ziel des Projekts ist es, demokratiefeindliche Narrative frühzeitig zu erkennen und sichtbar zu machen sowie digitale Resilienz und pädagogische Handlungsmöglichkeiten zu stärken.

Gefördert wird das Projekt von der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung (Land Berlin) im Rahmen des Landesprogramms „Demokratie. Vielfalt. Respekt. Gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus“.

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