Aktuelles: „Von Israel geschickt btw.” Wie die Ereignisse in Ceuta online rassistisch und antisemitisch gedeutet werden
Zwischen dem 30. Juli und 1. August 2026 gelangten Zehntausende Menschen von Marokko aus in die spanische Exklave Ceuta. Aufnahmen ihrer Ankunft verbreiteten sich rasch in sozialen Medien, häufig in Verbindung mit antisemitischen und rassistischen Verschwörungserzählungen wie dem „Kalergi-Plan“ und der Theorie vom “Großen Austausch“.
Beiträge rahmen die Bilder als „Invasion” Spaniens oder Europas – und liefern in den Kommentarspalten gleich die passende Erklärung mit: Israel oder „die Juden“ steckten dahinter.
Auch der arabische Nachrichtensender Al Jazeera greift die Frage nach einer möglichen israelischen Beteiligung auf: „Whether Israel is indeed involved in this week’s events in Ceuta remains to be seen. But it suffices to recall that the country has never exactly shied away from underhanded meddling in other people’s affairs.” – so die Kolumnistin Belén Fernández in einem Beitrag vom 1. August. Der deutsche Journalist Georg Restle zitiert auf der Plattform X unkommentiert aus einem Beitrag des US-amerikanischen Politikwissenschaftler Stephen Zunes, Ceuta sei „part of efforts by the growing US-Israeli-Moroccan nexus (…) to weaken a progressive European government, divide Europe, and undermine international law.“ Belege für eine israelische Beteiligung an den Geschehnissen werden an keiner Stelle genannt.
Die genauen Ursachen des Andrangs sind nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden unter anderem Falschinformationen in sozialen Medien über eine Entscheidung des spanischen Obersten Gerichtshofs, die Aktivitäten von Schleusern und die politischen Spannungen zwischen Marokko und Spanien.
Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf diese möglichen Auslöser und auf die politischen Folgen für Spanien und Europa. Bisher kaum beachtet sind hingegen die rassistischen und antisemitischen Online-Reaktionen auf die Ereignisse, die ein jahrzehntealtes antisemitisches Weltbild reaktivieren: Muslimische Menschen als sichtbare Bedrohung, Juden als unsichtbare Planer im Hintergrund.
democ hat in einer qualitativen Social-Media-Anlayse relevante Beiträge und Kommentarspalten, vorrangig auf Instagram, untersucht. Analysiert wurden Inhalte aus dem Zeitraum vom 1. August bis 4. August 2026. Ausschlaggebend für die Auswahl war der inhaltliche Bezug zu rassistischen und antisemitischen Verschwörungserzählungen, nicht die politische Verortung der kommentierenden Accounts, bei denen es sich häufig um private Profile handelt. Der Fokus lag nicht in erster Linie auf der Reichweite und Verbreitung, sondern auf der qualitativen Analyse, wie durch Reaktionen auf ein tagesaktuelles Ereignis offen antisemitische und rassistische Positionen artikuliert werden.
Die Analyse zeigt:
- Ankommende Menschen werden als „muslimische Invasion“ gerahmt
- Israel und Juden werden verantwortlich gemacht
- Visuelle Codes und Symbole spielen eine wichtige Rolle
- Die Verschwörungserzählung vom „Kalergi-Plan“ verbindet die Einzelmotive
Insgesamt zeigt sich: Ceuta dient als Anlass für die offene Artikulation latenter antisemitischer und rassistischer Einstellungen, wobei altbekannte antisemitische Motive in neuen, plattformgerechten Formaten offen artikuliert werden.
Hintergrund: „Großer Austausch“ und „Kalergi-Plan“
Die Verschwörungserzählung vom „Großen Austausch“ behauptet, die weiße und christliche Bevölkerung Europas werde gezielt durch muslimische oder nichtweiße Menschen ersetzt. Geprägt wurde der Begriff vom französischen Neurechten Renaud Camus. Migration, gesellschaftlicher Wandel, sinkende Geburtenzahlen und alternative Familienmodelle gelten dabei nicht als unabhängige Entwicklungen, sondern als Teile eines einheitlichen Plans. Als vermeintliche Drahtzieher werden häufig „Globalisten“, „Zionisten“, jüdische Eliten, George Soros oder Juden insgesamt genannt. Ihnen wird unterstellt, Masseneinwanderung zu fördern, den Islam nach Europa zu bringen und dadurch die weiße, christliche Bevölkerung zu verdrängen oder aussterben zu lassen.
Eng verwandt ist die Verschwörungserzählung zum sogenannten „Kalergi-Plan“; die Behauptung, der Politiker Richard Nikolaus von Coudenhove-Kalergi habe in den 1920er-Jahren die Zerstörung der weißen Bevölkerung Europas und ihre Ersetzung durch eine leichter kontrollierbare, gemischte Bevölkerung geplant.
Beiden Erzählungen liegt ein gemeinsames Weltbild zu Grunde, in dem Rassismus und Antisemitismus unterschiedliche Rollen einnehmen: Muslimische und nichtweiße Menschen gelten als sichtbares Werkzeug des angeblichen Bevölkerungsaustauschs. Juden (bzw. in gegenwärtigen Varianten der Staat Israel) erscheinen dagegen als diejenigen, die diesen Prozess planen, finanzieren und kontrollieren.
Antisemitische und rassistische Online-Reaktionen auf die Ereignisse in Ceuta
In den untersuchten Beiträgen werden die Ereignisse in Ceuta als vermeintlicher Beweis für diese Verschwörungserzählungen gerahmt. Die Geschehnisse erscheinen so als Teil eines langfristigen, geheimen Plans.
Ankommende Menschen werden als „muslimische Invasoren“ inszeniert
Entsprechende Kommentare – in Form von Text oder auch GIFs – finden sich überwiegend unter Videos, die große Gruppen von Menschen bei ihrer Ankunft in Ceuta zeigen sollen. Zu sehen sind vor allem (mutmaßlich) muslimische Männer, die an Land gehen oder sich auf Straßen, Plätzen und Bahnhöfen versammeln.
Schon die Beiträge selbst sind häufig rassistisch gerahmt: Die gezeigten Personen erscheinen nicht als Individuen mit unterschiedlichen Motiven und Lebensgeschichten, sondern als geschlossene, feindliche Masse. Von einer „Invasion“ Spaniens oder Europas ist die Rede, teils von „muslimischen Invasoren“, die Europa islamisieren wollten. Einzelne Videos zeigen mutmaßlich Ankommende in Ceuta, die „Allahu Akbar“ rufen.
Forderungen nach „Remigration“, einer „Festung Europa“ oder einer Bewaffnung der Bevölkerung verstärken das Bild einer akuten Bedrohung; einzelne Aufnahmen aggressiv auftretender Männer werden auf die gesamte Gruppe übertragen. In einigen Kommentarspalten finden sich offene Gewaltaufrufe.
Die rassistische Rahmung bildet den Ausgangspunkt für die antisemitischen Erklärungen, die folgen: Wenn die Ankunft als organisierte „Invasion“ verstanden wird, stellt sich innerhalb dieses Weltbildes die Frage, wer sie geplant haben soll.
Israel und Juden werden verantwortlich gemacht
In zahlreichen Kommentaren wird die vermeintliche Verantwortung Israels oder jüdischer Menschen behauptet – ohne jeden Beleg. Unter Video-Beiträgen, die große Menschenmassen mutmaßlich am Strand und vor dem Grenzzaun von Ceuta zeigen, finden sich Aussagen wie „Sent by Israel btw“ (Abb. 1) und „All Israel fault btw“ (Abb. 2), Ein anderer Post zeigt das Meme des „Hog Rider” aus dem Computerspiel Clash of Clans – ein bärtiger schwarzer Mann, der auf einem Schwein reitet, versehen mit dem Text “City of Ceuta on random thursday in july 2026”. Darunter behaupten User, Israel habe den Andrang geplant oder als Vergeltungsaktion gegen Spanien ausgelöst: „Coordinated by Israel btw“ (Abb. 3) oder „Israel took revenge because Spain did something they did not like“ (Abb. 4).
Diese Aussagen gehen über eine bloße Diskussion geopolitischer Interessen hinaus: Israel wird als Teil einer geheimen, nahezu allmächtigen jüdischen Struktur gerahmt.
Ein Videobeitrag der paneuropäischen, rechtsextremen und migrationsfeindlichen Kampagne Save Europe Act zeigt Proteste der Bewohner von Ceuta, die unter anderem den Rücktritt von Spaniens Ministerpräsident Pedro Sànchez fordern. Darunter kommentiert ein User empört: „Do you, idiots, even understand what’s going on? Maybe jews have got something to do with this?“ (Abb. 5). Die antisemitisch konnotierte Frage lässt sich als Versuch lesen, den linken Politiker Sánchez gegen Kritik seitens der Bevölkerung von Ceuta in Schutz zu nehmen.
Ein vielfach geteiltes Video zeigt angeblich, wie marokkanische Grenzbeamte Männer mit einem Lastwagen zur Grenze fahren. Faktenchecks zufolge soll es sich dabei jedoch um Aufnahmen handeln, bei denen Grenzbeamte den überfüllten Lastwagen rund 50 km vor der Grenze stoppten, um ihn zu kontrollieren. Auf Instagram wird das Video als vermeintlicher Beweis für eine gesteuerte Massenmigration nach Ceuta verbreitet: „The Enemy Did Not Breach The Gates They Were Let In.” Ein Kommentar darunter verbindet ein antisemitisches Verschwörungsnarrativ mit einem offenen Gewaltaufruf: „It’s the jews who are planning this so let’s unite and get rid of them.“ (Abb. 6).
Der Post „Israel is dumping migrants in Spain” eines Influencers mit rund 412.000 Followern verdeutlicht, welche Reichweite antisemitisch konnotierte Verschwörungserzählungen über Ceuta auf Instagram erzielen können: Der Beitrag erzielt rund 109,000 Likes und über 8.000 Kommentare (Stand: 10.8.26).
Visuelle Codes und Symbole spielen eine wichtige Rolle
Nicht alle antisemitischen oder rassistischen Aussagen werden offen formuliert. Ein großer Teil läuft über Karikaturen, GIFs, Wortspiele und Emojis. Dies macht die Kommentare einerseits anschlussfähig für szenetypische Online-Diskurse, andererseits erschweren visuelle, codierte Inhalte auch Plattformmoderation. Diese Kommentare finden sich unter Videos, die mutmaßlich Szenen aus Ceuta mit großen, chaotischen Menschenmengen an einem Bahnhof sowie am Strand zeigen.
Karikaturen mit klassischen antisemitischen Motiven. Eine Karikatur (Abb. 7) zeigt einen blonden Mann, der eine Figur an einer stark überzeichneten, gebogenen Nase packt; die Figur trägt Anzug und dunkles seitliches Haar, im Hintergrund gesellschaftliches Chaos. Die Darstellung greift klassische antisemitische „Nasen“-Karikaturen. Ein weiteres GIF (Abb. 8) mit über 25.000 Likes zeigt die Simpsons-Figur Mr. Burns mit Kippa, Davidstern und großer Nase, dazu der Text: „Whenever a jew sees a functioning society: release the blacks“. Damit wird der Mythos vom jüdischen Strippenzieher reproduziert und mit Rassismus verschränkt.
Emojis und GIFs als visuelle Codes. Mehrere Kommentare zeigen Saftpäckchen oder entsprechende Emojis (Abb. 9 und 10) – ein Wortspiel mit „juice/Jews“, das „Juden“ ersetzt, ohne das Wort zu nennen. Auch GIFs tanzender orthodoxer jüdischer Männer (Abb. 11) werden unter den Videos gepostet; die Bilder sind für sich genommen nicht antisemitisch, sollen hier aber als triumphierende Reaktion wirken: Juden hätten die Ereignisse verursacht und freuten sich über die Folgen.
Flaggen und Symbole als Kontrollbehauptung. Ein GIF zeigt einen Teufel (Abb. 12), der eine israelische Flagge näht – eine Dämonisierung Israels und zugleich Referenz an klassischen, religiösen Antisemitismus. Ein anderes GIF (Abb. 13) ersetzt den grünen Stern der marokkanischen Flagge durch einen Davidstern und transportiert damit den Mythos einer geheimen jüdischen Kontrolle über fremde Staaten. Ein drittes (Abb. 14) zeigt ein Boot mit israelischen Flaggen und dem Gesicht Benjamin Netanjahus, aus dessen Mund Menschen in Richtung Ceuta laufen. Eine weitere Karikatur (Abb. 15) zeigt Figuren mit israelischen Flaggen, die einem Christen, einem Muslim, einer schwarzen und einer weißen Person etwas zuflüstern, woraufhin sich die Gruppen feindselig ansehen. Damit wird auf den „Spalte und herrsche“-Mythos Bezug genommen, wonach Juden gesellschaftliche Gruppen heimlich gegeneinander aufhetzen.
Die Verschwörungserzählung vom „Kalergi-Plan“ verbindet die Einzelmotive
Der „Kalergi-Plan“ liefert den Rahmen, in den die einzelnen Bilder und Kommentare eingeordnet werden. Die Ereignisse in Ceuta erscheinen nicht als eigenständiges politische Krisenereignis, sondern als Teil eines langfristigen Plans zur Zerstörung der weißen europäischen Bevölkerung – Israel oder Juden als Planer, muslimische Menschen als sichtbares Mittel.
Besonders ausführlich formuliert das ein Video, das unter anderem durch den rechtsextremen und NS-verherrlichenden Telegram-Kanal Der Schelm verbreitet wird. Schon der Einstieg – „Do you know who's really behind the invasion of Spain?“ – wird so gesprochen, dass „you“ wie „Jew“ klingt. Anschließend wird behauptet, Benjamin Netanjahu und sein Sohn hätten die „Invasion“ seit Jahren geplant, als Beleg dient ein Verweis auf die Vertreibung der Juden aus Spanien 1492. Auch der „Kalergi-Plan“ wird explizit genannt. Der radikale Islam werde als „Besen“ benutzt, um das Christentum aus Europa zu entfernen. Das Video unterscheidet zudem zwischen „rechten“ Juden, die angeblich Kriege zur Vertreibung von Muslimen unterstützten, und „linken“ Juden, die anschließend offene Grenzen für deren Einwanderung nach Europa förderten. Politisch gegensätzliche Positionen werden so als Werkzeuge derselben angeblichen jüdischen Macht dargestellt.
Fazit
Die untersuchten Beiträge zeigen ein zusammenhängendes rassistisches, antisemitisches und verschwörungsideologisches Deutungsmuster: Die Ausgangsvideos stellen muslimische Menschen als bedrohliche, Europa „überrennende“ Masse dar. In den Kommentarspalten werden Israel oder Juden anschließend zu den vermeintlichen Verantwortlichen erklärt – direkt ausgesprochen oder über Karikaturen, Symbole und Sprachcodes vermittelt. In einzelnen Fällen geht die Schuldzuweisung in offene Gewaltaufrufe über. Der titelgebende Kommentar – „Sent by Israel btw“ (dt. „Von Israel geschickt btw”) – steht damit beispielhaft für eine breitere Erzählung: Ein komplexes Ereignis mit ungeklärten politischen, rechtlichen und sozialen Ursachen wird auf einen vermeintlich geheimen jüdischen Plan reduziert. Muslimische Menschen erscheinen als sichtbare Vollstrecker einer angeblichen „Invasion“, Juden als unsichtbare Planer und Drahtzieher im Hintergrund.
Die Ereignisse in Ceuta verdeutlichen die Beispiele die Anschlussfähigkeit von Verschwörungserzählungen: Ein Tagesereignis wird in ein jahrzehntealtes Erzählgerüst wie den „Kalergi-Plan“ eingebettet, inklusive historischer Herleitung. Ebenso bemerkenswert ist der Remix klassischer antisemitischer Motive in neue, plattformgerechte Formate wie GIFs und Emojis – ein Beleg für die Langlebigkeit antisemitischer Bilder und Narrative und zugleich für ihre Anpassungsfähigkeit an neue kommunikative Formen.
Bemerkenswert und besorgniserregend ist dabei nicht zuletzt die Offenheit, mit der antisemitische und rassistische Positionen auf einer Mainstream-Plattform wie Instagram artikuliert werden können.


